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einhorn insel der seligen

Acheron


Drei geben ein Zeichen.

Drei sind besser als einer. Einsam sein, das ist das Schlimmste. Sogar für Götter. Brahma, Shiva und Vishnu. Die Heilige Dreifaltigkeit. Nicht einmal die Ideen bleiben gern allein: These – Antithese - Synthese. Judentum-Christentum-Islam.

Ein Winken? Vielleicht ein Hilferuf.

Ich bin nicht sicher. Drei Arme pflügen sich durch die Luft. Um sie herum: nichts. Die unendlich flache winterliche sibirische Steppe. Die mit weißer Plastik zugehängte Abteilung einer Intensivstation. Eine white box. Stille. Vielleicht ist da nicht einmal Luft. Der interstellare Raum.

Die zweite Hand hängt untätig herunter, wie verdreht. Kann sie nicht mehr bewegt werden? Körper und Kopf halten sich straff aufrecht.

Zu dritt geben sie ein und dasselbe Zeichen. Langsam. Als wollten sie jedes Missverständnis ausschließen. Aber das Missverständnis liegt darin, dass sie meinen, jemand könnte sie verstehen.

Es ist kein Gruß. Höchstens könnte ein Sieger von seinem Treppchen herunter winkend grüßen. Man glaubt sogar, ein solches Treppchen zu bemerken: eine scharf begrenzte geometrische Form.

Ein Redner? Dann wäre diese Schräge ein Rednerpult. Ich weiß nicht. Unser Blick hätte ihn auf dem Höhepunkt der Rede, mitten in der Pointe, überrascht.

Ein Sieger, ein Redner, nein. Es sind drei. Was würden die durcheinander quatschen oder sich gegenseitig vom Treppchen schubsen! Aus drei mach eins: nein!

Sind es mehr als drei? Unser Horizont ist beschränkt. Manche Naturvölker haben bei der Drei mit dem Zählen aufgehört.

Das Licht wandert, die Schatten verblassen und werden bald verschwunden sein. Lass.

Halt.

Die drei göttlichen Personen, Vater, Sohn, Geist, sind nicht nur gleichberechtigt, sondern wesensgleich, richtig? Dasselbe bei Vishnu – Shiva – Brahma: Arbeitsteilung bei unterschiedlichen Formen der Inkarnation. Ein Rollenspiel. Das bringt mich auf etwas.

Die drei wedelnden Arme gehören ein und derselben Person; Klonen von ihr. Und die müssen gar nicht bei drei aufhören. Das kann sich so weiter spinnen. Sie wedeln und wedeln. Wie Tausende aufgesprungener Zuschauer bei einem Rockkonzert. Oder Hunderte Passagiere auf dem Deck eines heimkehrenden Schiffes.

Oder wir, in unseren zahllosen, widersprüchlichen Lebensmomenten, wartend auf Charon, am Ufer des Totenflusses, allmählich zu Schatten werdend.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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