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einhorn insel der seligen

Oger


Dieser Oger ist ein Missverständnis. Sein aufgerissenes Maul verleitet zu falschen Schlüssen. Er ist kein Räuber wie etwa der Hai, sondern lässt sich widerstandslos vom Wasser überfluten, bevor er erneut trocken fällt.

Da hat sich ein Fischlein in seine Backentasche verirrt, hat Drehung und Sprung zurück ins sinkende Wasser verschlafen. Das Fischlein muss noch viel lernen! würde man sagen. Doch vielleicht ist es schon zu spät. Es liegt wie leblos, trocknet aus.

Es muss vorwitzig dem Oger so tief ins Maul, ja in den Rachen gekrochen sein, dass die Kraft des abfließenden Wassers zu gering war, um es mitzunehmen.

Womöglich hat der Oger diese unscheinbare Zwischenmahlzeit noch gar nicht wahrgenommen. Seine Sinnesorgane sind bekanntlich rückentwickelt. Besonders Geruch und Geschmack sind durch die unablässigen Überflutungs- und Rücklauf-Vorgänge abgestumpft, aber auch der Tastsinn hat gelitten.

Es ist in der Wissenschaft umstritten, ob diese Sorte Oger überhaupt Nahrung benötigt. Auf jeden Fall wird ihm von manchen Forschern nachgesagt, er sei kein Vielfraß, sondern eher Gourmet. Er schone darüber hinaus bedrohte Arten, so wohlschmeckend sie auch seien. Andere behaupten dagegen, ein so geistloses Wesen wie der Oger kenne weder die Bedeutung von Art, noch von bedroht.


Wie auch immer. Dies war die letzte Schleusung des Tages. Das Schiff wird seinen Weg noch ein paar Stunden fortsetzen. Wir werden also die Oger-Frage nicht lösen können.

Wäre der Fisch am nächsten Morgen verschwunden, könnten beide wissenschaftliche Parteien behaupten, Recht zu haben. Die einen würden vermuten, der Oger, habe, vielleicht nach langem Zögern, sich den Fisch einverleibt, die anderen hielten dagegen, eine Möwe oder ein anderer Raubvogel, hätte dem untätig gebliebenen Oger den Fisch wegstibitzt.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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