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einhorn insel der seligen

Seh(n)sucht


Ich bin die Prinzessin und sollte doch eine Walküre sein. Ich liege hier, weil Prinzessinnen liegen und warten. Eine Walküre würde, sollte, müsste all den Krempel zerschlagen, siehst du.

Nein, du bist nicht der Prinz. Du bist nur ein Voyeur. Du wartest, genau wie ich, dass irgendetwas geschieht, das deine kranke Phantasie beflügelt.

Ja, deine Phantasie! Sie streikt. Zeiten hat es gegeben, da hat sie dir geschmeichelt und hat dich gestreichelt. Da hast du gestöhnt vor Wonne. Jetzt schaust du einem Püppchen wie mir beim Nichtstun zu.

Jetzt ist es dir wirklich herausgerutscht: ein Püppchen beim Nichtstun! Das soll ich sein? Nur weil du dir das vorstellst?

Wenn du dich zur Seite bückst, du musst dir dabei ein wenig den Hals verrenken, dann siehst du dich im Spiegel. Nein, der Spiegel ist nicht blind. Er zeigte dir ein Abbild jener Stelen, die meine Badewanne bewachen. Die erstarrte Grimasse einer scheinbar strengen Gottheit aus Speckstein (oder Seife): du wärest eine Wiederholung davon, Wächter Nro. x. Reizt dich das?

Vielleicht ist der Spiegel tatsächlich blind, wenn du dich dem Bild stellst, das er dir ins Gesicht wirft. Erblindet vor Schreck. Wer ist ihm da gegenüber getreten? Er hat sich verhüllt vor Scham.

So wie die Stelen sich verstecken hinter einem Kelch, der nichts bedeutet, auch wenn er einen Seitfallzieher zeigt, wie behauptet wurde. Kann sein, dass er dir etwas bedeutet, dass ihn dein Blick, dein Hinstarren größer macht, als er ist.

Das gehört zur Welt der Walküren. Sie haben all die germanischen Helden aus Blech und Pappdeckel überlebt und langweilen sich nun. Sie spielen Märchen, sie spielen Prinzessin. Sie haben sich in zuckrige Farben verkleidet. Sie warten auf so einen wie dich.

Ein beschlagener Spiegel macht feige. Spuck ihn an und wisch ihn sauber. Dann guck. Und der Mund bliebe dir offen stehen, er würde eine liegende Acht bilden, genau wie bei meinen Wächter-Stelen. Und erinnere dich: Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.

Wie? Nein, ich habe nichts gesagt. Der Phantasiemangel macht dich hörsüchtig.

Schau, ich liege in einem rosa Blütenblatt, soweit kannst du folgen. Ich trage einen grünen Schwimmdress. Ein Kabel verbindet mich mit dem Sockel des Spiegels, als wäre ich eine Steckdose.

Wie kommst du auf Nabelschnur? He, Mann, deine Phantasie ist noch nicht ganz tot! Weiter! Bin gespannt auf die Plazenta, die du dir für mich ausgedacht hast. Wetten, dass darin Strom fließt. Der lädt mich auf, ich springe herum, ich muss nicht mehr warten, ich werde wieder zur Walküre und boxe dich aus der Welt, du Gaffer, du Spanner, du Kreativitätslehrbub! Zieh Leine!

Ach! Wärest du doch ein Prinz gewesen! Ein chinesischer Seitfallzieherwundermann mit einem langen, dünnen Kinnbärtchen!