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einhorn insel der seligen

Akribis


Was für ein Mann: in allen Sätteln gerecht, mit allen Wassern gewaschen – von einem Durchblicker spräche Lieschen Müller. Von der Damenwelt werden solche Männer in der Regel geschätzt. Sie unterscheiden die Spreu vom Weizen und behandeln das zarte Geschlecht daher nach Gebühr.

(Manchmal vergreifen sie sich auch dabei (will sagen: greifen zum falschen Bügel). Kommt leider vor: Kismet)

Ein Akribi fällt nicht vom Himmel. Nichts wird ihm in die Wiege gelegt. Meist löst ein einschneidendes Erlebnis die Initialzündung aus, danach gibt es kein Halten mehr.

Herr F, dessen Brust wir hier archiviert sehen, stammt aus bäuerlichem Geblüt. Aus einem Stammbaum von Schwerstarbeitern, die Wälder rodeten, Felder bebauten, Vieh züchteten.

Dann kommt der Augenblick, in dem die Familie einen Überschuss an Söhnen zu bewältigen hat. Zwei zuviel. Einen schluckt die Kirche – aber der andere? Bleibt nur die Lateinschule und folgerichtig der Lehrberuf.

Kein Rückhalt von Zuhause für F: er muss lernen, hart zu arbeiten. Während er im Kuhstall hilft, repetiert er Vokabeln und memoriert Rechenregeln. Als Bauernbub genießt er keinen guten Ruf und kann vor dem Pädagogikpersonal nur durch optimale Leistung bestehen. Die Mitschüler lässt er nach Herzenslust abschreiben und entwickelt Ausdauer in der geschickten Weitergabe prüfungsrelevanter Informationen.

Als Schüler leidet F an seinem hausgemachten Stallgeruch, den er nicht abstreifen kann. Die Lehrer geben mit der Zeit das Kritteln auf und halten größtmöglichen Abstand von F, was auch die Sitzordnung in der Klasse beeinflusst, da sich nun alle Abschreibebedürftigen um F herum platzieren, mit dem Nebeneffekt, dass sie ihren Geruchssinn abhärten.

Erst im Studium, als er sich entschließt, das elterliche Anwesen weit hinter sich zu lassen, wird er sein Aromakleid los, verliert aber gleichzeitig das gewisse Etwas, das zuvor einige Mitschülerinnen bereitwillig honoriert haben.

Zum Akribi ist er geworden, als ihm dieses freche Ding glatt einen Korb gibt, nachdem er es mit Schau mir in die Augen, Kleines probiert hat.

Was die Fortschritte in Studium und Beruf angeht, muss er nichts in seiner Existenz verändern.

Auf die Kleidung achtet er jetzt mehr. Wenn seine akkurat gebügelten Hemden bald ungebügelt aussehen, so liegt das am inneren Feuer, das er ausschwitzt.

Die dreifache Brille spiegelt seine Dreiheit (trinitas) als Lehrperson wider:

a) der tief über einen Stapel vollgeschmierter Blätter gebeugte Korrektor oder der modulierend vortragende Vorleser;

b) die unnachsichtig Aufsicht führende Person in Klassenzimmer wie im ganzen Schulgebäude;

c) der den mit großen Anteilen von Entertainment angereicherten Stoff vermittelnde Multiplikator.

Immer dann, wenn der Akribi für Augenblicke aus der Rolle fällt, wächst ihm Charme zu. Etwa dann, wenn die entsprechende Brille nicht auffindbar ist, weil sie sich von der Schwerkraft bezwingen ließ.

(Der Akribi macht stets, was er sich vorgenommen hat; einen Plan B gibt es nicht; fast immer benötigt er für sein Vorhaben eine Brille; nun ist sie nicht da)

Der Akribi muss also fingern und fummeln. Er muss sich seinen vermutlich behaarten Bauch oder an den Rippen des Unterhemds entlang tasten, um spätestens am Hosenbund auf die gesuchte Ausreißerin zu stoßen und ihre Rückführung einzuleiten. Letztere ist problematisch, da zwangsläufig mit gewissen Bewegungen von Oberkörper und Hüfte sowie mit diskretem Aufpulen (und darauffolgendem Zupulen) mindestens eines Hemdknopfes gekoppelt. Ein Pokerface trachtet diese Verzögerung zu überspielen, bei gegebenenfalls ununterbrochenem Fluss der Rede.

Spätestens dann können weibliche Schutzbefohlene ein Kichern (alternativ: einen Seufzer) nicht mehr unterdrücken. Ihre männlichen Pendants lässt das eher gleichgültig. Manche kratzen sich ihrerseits an der bewussten Stelle, als wäre Solidarität gefragt.

Im Fall c) geht der Vortrag ohne Unterbrechung weiter.

Im Fall b) fehlt manchmal die nötige Schnelligkeit des Eingreifens.

Im Fall a) tritt der Brillennotstand selten ein; meist sitzt die Brille statt auf der Nase auf der Stirn und wurde dort vergessen.


Akribis sind keine vom Aussterben bedrohte Art, das hier besprochene Brillen-Exemplar wird jedoch vergleichsweise selten gesichtet.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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