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einhorn insel der seligen

246


246 ist eine Zahlenreihe. Du weißt mit Sicherheit, wie es mit ihr weiter geht, rückwärts wie vorwärts, du erfasst sofort das Prinzip. Dagegen steht allerdings, dass sie enden kann, aber nicht enden muss. Wie jede einer Regel folgende Zahlenfolge ist sie unendlich.

Unendlich: Da krampft sich etwas in dir zusammen. Da ergreift dich Schwindel. Davon willst du lieber nichts hören. Dem bist du nicht gewachsen.

Unendlich: Das wäre so etwas Ähnliches wie: ewig.

246 kann zwar vergessen werden, aber auch schlichte Gemüter können dieses Zahlenspiel mühelos wieder entdecken oder neu erfinden. Die einfache Regel (d.h. die einfachste der möglichen Regeln) ist leicht festzumachen.


(Etwas komplizierter ist z. B. eine andere mögliche Regel, die die Reihe aufsteigend mit 10 – 16 – 26 – 42 fortsetzen würde)


Unversehens mit 246 verbunden, sind also hier diese Dinge, durcheinander geworfen oder übereinander geschoben worden, mit oder ohne Absicht, als bloßes Spiel, durch Zufall.

Sie sind zu nichts nutze. Nicht mehr.

Aber wozu ist eine Zahlenfolge wie 246 nutze? Außer dazu, dir gewisse Beklemmung einzujagen?


(Eine Teilmenge von Lesern möge entschuldigen, dass wir Folge und Reihe umgangssprachlich und unterschiedslos verwenden)


Diese Dinge, so wie sie da liegen, sind gebrechlich oder schon zerbrochen, zerstört von Händen, von Zähnen, von der Willkür der Natur; sie können fortgerissen werden von jeder Strömung oder verbrennen zu Asche. Einen Sinn haben sie, wenn überhaupt, nur vorübergehend gehabt.


(Das haben wir uns so zurechtgelegt)


So wie es steht, sammelt sich Staub auf ihnen, bis etwas sie ergreift und der Dunkelheit übergibt. Für lange Zeit. Für immer.

Ein Brillenbügel, getöntes Plexiglas, ein Schlüsselholm, ein bäuchlings aufgerissener und halb verdorbener Schokoriegel – was sind sie anders als Kreationen menschlicher Phantasie, wie die Zahlen. So wie kommende Generationen all diese Dinge nicht mehr benutzen, ja sich nicht einmal mehr an sie erinnern werden, so wird auch anders gerechnet werden und die Zahlen und alle Gebilde, die aus ihnen bestehen, werden vergessen sein.


(Dass eine Zahlenfolge unendlich ist, gilt nur in der Abstraktion. Der konkrete Beweis dafür – indem du ihr folgtest, immer weiter, immer weiter – wird niemals erbracht werden können. Dennoch herrscht die Theorie, soweit das Denken reicht, unangefochten)


Deine Gedanken verwirren sich:

Wer einen Schokoriegel kreiert, eine neue Sorte mit der passenden Verpackung, die zugleich eine effektive Werbung ist und möglicherweise ästhetischen Ansprüchen genügt, der hat auch ein Stück von sich hineingelegt. Wer unachtsam seine Brille fallen lässt und auf sie tritt oder gar die Brille absichtlich zerbricht – in dessen Zerstreutheit oder Wut liegt eine kleine oder große innere Krise – die ein winziges Teil von sich an das leblose Objekt weitergibt.

In den Dingen denkt es, fühlt es, greift auf dich über, greift auf dich zurück.

Warum macht dir die Unendlichkeit, die in der Erfindung der Zahlen steckt, Angst?

Weil sie so offensichtlich und so frech der täglichen Erfahrung der Endlichkeit, der Vernichtung, des Todes zuwider läuft.

Was kaputt geht, wandert in den Abfall, wird vergraben, verbrannt (genau wie du), bildet Halden (wie diese kleine vor dir). Selbst wenn eine Verwertung (eine Verwandlung) stattfindet, ist das keine Wiedergeburt.

Es gibt keine Wiedergeburt. Keine Unendlichkeit, keine Ewigkeit. Das alles steckt in dir als Idee, als Wunschbild.

Damit konfrontiert zu werden, verschafft dir Unbehagen.

Dass du das Unmögliche erfindest, müsste dich aber mit Stolz erfüllen, Dummkopf!

Du bist mehr, als du bist.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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