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einhorn insel der seligen

Kehrt


Da wendet sich der Gast mit Grausen, heißt es beim Klassiker. Vielleicht ein allzu pauschales Urteil.

Versuchen wir eine Bestandsaufnahme.

Gegeben: ein Pinguin und ein schlauchartiges Gebilde, das aus dem Boden zu dringen scheint. Den Gesetzen der Schwerkraft zufolge muss es diesen durchbrochen haben, also aus hartem Material bestehend, härter als der wie Marmor aussehende Untergrund, über dem es jetzt sich nach unsichtbaren Himmeln krümmt.

Der Pinguin, der charakteristischen Färbung nach ein sogenannter Königspinguin, hat vermutlich dieses ihm unvertraute Objekt gesehen und sich ihm genähert. Da Pinguine extrem gesellige Wesen sind, überrascht es etwas, dass dieses Individuum sich allein der Erscheinung nähert. Vielleicht aber leistet er einfach nur Pionierdienst, und die Genossen folgen ihm in geringem Abstand. Ein Alphatier.

Da Königspinguine sich vorwiegend von Krill ernähren, ist wohl ausgeschlossen, dass der Pinguin das Objekt als fressenswürdig oder als in irgendeiner Form Nahrung enthaltend einstufte.

Pinguine sind neugierig, aber auf Landgang (mangels Feinden) auch furchtlos. Sein Gegenüber, das ihn deutlich überragt, schüchtert diesen Forschergeist nicht ein.

Da das Objekt weder Appetit noch Neugier befriedigen kann, wendet sich der Pinguin von ihm wieder ab. Keine Kommunikation, kein Anreiz zur Balz.

So weit, so banal.

Möglicherweise informiert er seine inzwischen herangewatschelten Artgenossen trompetend und schnarrend über seine Beobachtungen. Was wird er ihnen mitteilen? Pinguine sehen zu Lande schlecht.

Pinguine sind nicht als Freudianer bekannt. Die Theorie von Frustration durch Penisneid scheidet definitiv aus.

Betrachten wir nun des Pinguins Widerpart.

Eine leicht verdrehte Säule käme einem in den Sinn, für Ameisen so etwas wie der Turm zu Babel. Die Schieflage wäre besorgniserregend, würden wir nicht solide unterirdische Fundamente annehmen. Auch an einen Menhir könnte gedacht werden, doch diese sind in der Regel wenig oder gar nicht behauene Megalithen (Groß-Steine), während in unserem Fall eine Bearbeitung mit gewissen Regelmäßigkeiten festzustellen ist was dem Pinguin vermutlich entgangen ist).

Inmitten der Marmorsteppe ragt dieses Mal auf, nicht von Pinguinen geschaffen, sondern von Menschen (die These von Außerirdischen bleibe außer Betracht) in die Einsamkeit gesetzt. Es blieb wunderbarerweise verschont von den grellweißen Fäkalien von Möwen oder Sturmvögeln, obwohl es diesen sicherlich als Hochsitz gedient haben mag. Wie kann das sein? Besitzt dieser abgelegene Ort eine magische Aura?

Pinguine können nicht lesen. So hätte es auch nichts genützt, wenn der Vogel um das Mal herumgegangen wäre und das Etikett auf seiner Rückseite entdeckt hätte, auf dem steht:


ORTHOCERAS – LUFTKAMMERN: Nur die Kalzit – gefüllten ehemaligen Luftkammern sind noch vorhanden. Das Tintenfisch-Tier lebte vor fast 400 Millionen Jahren im Mitteldevon. Oasengebiet Erfoud Ost – Marokko.


(Die beiden gegensätzlichen Positionen des Pinguins gegenüber dem Orthoceras entstanden, als meine Raumpflegerin das Fensterbord säuberte)


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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