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einhorn insel der seligen

Ich und du und ich


Sieh her, ich bin bewaffnet. Ein Schaber zum Abkratzen der alten Bemalung oder zum Auffangen rinnender Tropfen. Und die Dose, diese tolle Chose, schon ohne Deckel, sprühbereit innenstadtweit, auch auf deine Visage kann sie zielen. Träfe sie sie, wär's keine Blamage.

Sei auf der Hut. Ich bin ein Kind, bin unberechenbar. Vorsicht ist gut.

Nein, ich bin kein Kind. Hast du meine Schnurrbärte gesehen? Ich tätowiere die Wände. Und aus dir mache ich ein Marsmännchen, so grün wie die Grüne Minna. Ich wette, du hast noch gar nicht wahrgenommen, über wie viele verschiedene Grüntöne ich verfüge. Schau mich nur an.

Ich bin ein Wiedergänger. Wisch, wie du magst. Wischiwaschi. Vor dem Graffiti ist nach dem Graffiti.

Meine Augen, das hast du bemerkt, die taugen für scharfe Beobachtung; sie bewegen sich unabhängig voneinander, sie schielen aber nicht, sondern es ist - wie beim Chamäleon. Die Farben? Genauso. Hast du sie schon gezählt? Hättest du andere gewählt für dieses … Bildnis? Ach, lass. Ich stell mich jetzt einfach vor dein Fenster und fixier dich. Schwupp, da steh ich schon.

Was quatschst du da? Meine linke Hälfte sei eine Karikatur meiner anderen, der rechten? Da hat’s dich aber voll erwischt. Ich bin nämlich gar nicht zwei. Ich bin verdoppelt der ich bin. Und du dazu.

Aufgepasst jetzt! So ... Ich verwandle mich allmählich in dein Spiegelbild. Links bist du der Brave, der Doofe, der Dödel, rechts der Schlawiner, der Blender, der Vergewaltiger der Wände, dazu gehört die Spraydose, es ist nämlich deine. Des Dödels Kern. Ich mach dir nicht den Deppen. Ich zeige dir, wie du bist: zerknittert, kleinteilig, verdreht, verkorkst. Wenn dich einer schubste, lägst du auch schon auf deiner malerischen Nase, zumindest eine Hälfte von dir. Wer weiß, ob du ohne die Hilfe deiner anderen wieder hoch kämst.

Wir gehören zusammen. Du hast die Wand geliefert, ich liefere die Kunst. Du bist ein Teil von mir. Ohne den Stumpfsinn gäb‘s keine Begabung, kein Talent. Nein, ich rede nicht von dir. Aber so ist es. Wenn Kehrwoche wäre, würdest du sofort hinlaufen, meinen Schaber geschultert, und kratzen, kratzen im Dreck. Wie ein Sträfling mit der Kugel am Bein. Nein?

Ich werde jetzt mit dem Sprayen beginnen. Hast du einen Wunsch, alter Kumpel, alter Ego? Ich lass dich verschwinden. In der Mitte fang ich an: Nase, Backen, ein Stück vom Ohr. Pschitt! Dann deinen süßen Schmollmund und mein struppiges Bärtchen. Pschutt! Dann von der Seite. Auf meiner: nichts. Auf deiner: der Ruderfüßer mit dem Fischschwanz. Ssswisch! Die Augen sparen wir uns auf bis zum Schluss.

Den falschen Buchstaben oben auf der Kappe. Pschitt! Meine Finger samt Schaber unten. Pschutt! Jetzt stehen wir zwei beide mit Gesichtsschleier da.

Schwarz war in der Dose, schwarz muss er sein. Tscharschaf, sagen die Türken. Ein Tscharschaf ist schwarz, nicht rosa, so wie du es vielleicht gern gehabt hättest. Womöglich hättest du inwendig angefangen zu turteln. Der erste Rechtgläubige, der vorbeigekommen wäre, hätte uns abgestochen.

Wär nicht schad gewesen um uns zwei Kasperln.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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