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einhorn insel der seligen

Boros Bunker Wesen


Eine elastische Kapsel, die vielleicht ein Gehirnimitat birgt, kriecht krebsgleich und holpernd über die graue Fläche, die uns geblieben ist. Füßchen (Ärmchen?) - wie von einem Gliedertier - arbeiten nach vorne, aber auch nach hinten. Eine Orientierung ist nicht erkennbar. Es könnte sein, dass dieses Wesen eben zum Sprung ansetzt. Oder sich um sich selber dreht. Was hat es vor?

Die Sicht ist beeinträchtigt.

Es kann sehr wohl sein, dass seine (nur scheinbar?) zögerlichen Bewegungen uns gar nicht meinen, uns überhaupt nicht betreffen. Aus dem früheren Leben waren wir gewohnt, alles, was in unsere Wahrnehmung drang, auf uns zu beziehen: nützt oder schadet, gefällt oder ist mir zuwider, lohnt sich oder weg damit, usw.

Einen Moment lang setzt das Grübeln aus. Wie eine Blase, die leise zerplatzt.

Da ist uns fast zum Lachen zumute, denn was wir sehen, ist nichts weiter als eine faltbare Kartonage, drin ist etwas, was sich bewegt, was heraus will, ein Kind oder ein kleines Tier, mit dem man Schabernack getrieben und es hineingesteckt oder hineingelockt hat.

Am vorderen Ende ist eine andere Art von Bewegung im Gange: etwas dringt heraus oder drängt hinein, wird hinuntergewürgt oder ausgespien.

Wie sind wir auf den Gedanken gekommen, inwendig befinde sich ein Gehirn oder ein irgendwie gearteter Organismus? Dann würde es (das Behältnis) wachsen oder schrumpfen, hätte einen pulsierenden Rhythmus wie Atmung oder Herzschlag. Es verhält sich doch so mit lebenden Wesen?

Die Luft ist getrübt, das Vibrieren des Objekts könnte eine optische Täuschung sein. Graue Fläche, drüber graue Luft, ein Meer von Partikeln.

Wir haben es weit gebracht.

Und uns gegenüber hockt dieses Ding, das kein Ding ist.

Ich sage immer wir oder uns, unser. Es ist aber außer mir niemand da. Eine Gewohnheit: Wird einem etwas weggenommen, so will man es nicht wahrhaben, man will zurück in die andere, die vorige Zeit, obwohl es auch dort Unsicherheit, Angst, Verwirrung gab.

Es ist diese allgegenwärtige Nicht-Farbe, die den Eindruck von Beinahe-Blindheit erzeugt, was am schwersten wiegt. Und schlimmer als allein zu sein ist die Gegenwart eines Wesens, das ich nie zuvor gesehen habe und das ich nicht einschätzen kann. Die Ungewissheit schnürt mich ein, es bleibt mir nichts übrig, als mich bedroht zu fühlen.

Aber ist nicht die zunehmende Unschärfe meiner Sinne (möglicherweise ihr Verfall, ihr langsames Absterben), der Verlust jeglicher Koordinaten von Raum und Zeit viel bedrohlicher?

Ach was. Wäre nur ein großer Stein in Reichweite, ich würde ihn packen und versuchen, das Wesen zu treffen. Ich verstehe nicht, was es mit ihm auf sich hat – soll es krepieren!

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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