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einhorn insel der seligen

Osiris Bird


Ein Windstoß brachte die Papierfetzen zum Sprechen.


Ich bin Osiris Bird, raschelte, nuschelte, wisperte es. Ich bin es. Meine Augen blicken aus dem Holz dieser Verschalung, zweie sind die aus meinem Namenszug gefallenen I-Punkte, mein drittes schwebt über dem Vogel-Wort. Ich kreise über den Wassern, sei es der Nil, sei es die Donau, die hier unter mir ihre Strudel tanzen lässt.

Ich bin der Totengott.

Nicht jeder erkennt mich, denn ich tarne mich, mache mich schwach und verletzlich, stelle mich eurem Blick ohne Insignien, ohne Waffe, wie jener Mann in Unterhosen.

Ich bin der ich heiße.

Wenige sind es, die mich entziffern und lesen ohne Magie. Du warst dazu imstande.

Als ich einst starb, eröffnete mein Tod das Jenseits, doch nicht für Krethi und Plethi. Ich stehe an der Schwelle der anderen Welt, ich urteile und richte. Meine Augen lassen sich niemals täuschen.

Du aber, hab keine Angst.

Ich fliege wie ein Vogel durch die Welt, nehme aber, wenn ich niedergehe, Gestalt an und schlüpfe in eine Schrift.

Es sind die großen Flüsse, die mein Wohlgefallen sind.

Ich bin bei denen, die es satt haben zu leben.

Bei dir.


Springe nur.

Spring in den Strudel, meide das Bschlecht.

Du musst zuvor über die Palissade klettern. Das ist die unabdingbare Mutprobe. Für den Mut zum Sprung.

Ich weiß alles über dich. Du kannst es wagen.


So raschelten, nuschelten, wisperten die Papierfetzen.


Mir kam mit einem Mal in den Sinn, dass diese Papierstücke Reste von Aufrufen, Mut zu bewahren, oder geradewegs von Durchhalteparolen, verfasst von JAHN-Ultras, gewesen sein mochten, die böswillige Fußball-Muffel oder gegnerische Fans abgerissen und in die Donau geschmissen hatten.


Und wirklich: Ich fasste Mut, ließ Osiris Bird in seiner Schrift gefangen zurück und kaufte mir eine Karte für das nächste JAHN-Spiel.


So ward ich gerettet. Und vielleicht würde auch der JAHN, wenn er wieder gewänne, dem Abstiegsstrudel entrinnen.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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