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einhorn insel der seligen

Roque Guatinac


Guatimac, wir erweisen dir Ehre, denn wir wohnen in dir. Dein geduldiger Bauch schützt uns vor Feinden und wilden Tieren. Bevor wir ausschwärmen zur Jagd, versammeln wir uns, Angesicht zu Angesicht mit dir und bitten um deinen Beistand. Zurück bleiben nur einige alte Frauen, die das Feuer und die Kinder hüten.

Meist bleiben wir lange fort. Die Frauen sammeln Wurzeln, Früchte und Kräuter, sie ernähren uns, während wir Tiere verfolgen und bisweilen Glück und Geschick genug haben, eines zu töten. Es muss aber viel Wild erlegt sein, bevor wir mit Vorräten heimkehren können zu dir, Guatimac, um dir Dank abzustatten mit einem Speiseopfer.

Wenn die flache Vertiefung auf deinem Rücken, Guatimac, wenn unsere kleine Zisterne sich leert in der Trockenzeit, müssen wir tief hinuntersteigen ins Tal und die vollen Schalen aus Holz oder Schläuche aus Ziegenhaut nach oben schleppen. Die Frauen, die auch dann, wenn keine Jagdzeit ist, dort unten Essbares zusammensuchen, kennen die Steige, kennen die Tritte. Mit den Gefäßen auf dem Kopf oder über den Schultern ist der Weg noch mühsamer.

In den Zeiten des Durstes trifft man an der Wasserstelle manchmal unverhofft Tiere, auch Feinde. Die Frauen gehen niemals unbegleitet. Der Feind kennt uns, und wir kennen ihn. Er ist gnadenlos. So müssen auch wir gnadenlos sein.

Warum ist der Feind ein Feind? Wir wissen es nicht. Es geht über viele Generationen zurück. Es ist nicht zu ändern. Es ist Gesetz. Daran können wir uns halten.

Die Kämpfe mit dem Feind fordern unsere ganze Kraft. Niemand gibt sich gefangen. Gefangene opfert der Feind seinem falschen Gott. Sie sind verloren. Denn nur wir verehren den wirklichen Gott, der in dir, Guatimac, mit uns wohnt.

Wenn Friede geschlossen oder der Feind besiegt ist, steigen wir hinunter zu unseren Herden, die versteckt im hohen Gebüsch oder in Grotten leben, die du ihnen an deinem Fuße öffnest, Guatimac, und kümmern uns um sie. Aber Friede ist selten und macht deswegen misstrauisch. Ein besiegter Feind sinnt auf Rache. Doch der Schamane weiß, wann er anrückt. Er ruft die Sonne an.

Ohne sie gäbe es uns nicht, wüchse keine Pflanze, graste kein Tier. Wir werden zu ihr reisen nach dem Tod und dort wirken für unseren Stamm, den wir nach dir benannt haben, Guatimac, mit dem wachsamen Auge der Echse, die dir ähnelt und die uns oft vor dem Hungertod rettete.

Denn du hast stets ein Auge auf uns und erblickst den Feind schon von weitem.

Durch dein Auge beobachtet der Schamane die Sterne, und sie teilen ihr Wissen mit uns.