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einhorn insel der seligen

Fusion Diffusion Konfusion


Wenn du eine interessante Puppe besitzt, verdrück dich lieber. Man verguckt sich schnell in sie. Alle wollen sie haben. Ein Roboterchen mit Sprachfunktion und, wer weiß, mit welch anderen Fähigkeiten!

Da haben sie sich geschnitten. Du bist weg. Und schon fast in Sicherheit.

Jetzt blickst du dich noch einmal um.

Oh, du bist gerötet: am Haaransatz, an der Stirn, an den Ohren. Es sind keine Pickel. Du bist wieder in diesem Zustand. Auch die Puppe ist an verschiedenen Stellen gerötet.

Die Puppe schleifst du hinter dir her. Du hast sie an dem Loch im Fuß gepackt, das du einmal in sie hinein geschnitten hast, als du noch kleiner warst und einem unwiderstehlichen Forschertrip gefolgt bist. Sie hat es dir nicht übel genommen.

Sollte man sagen, du liebtest diese Puppe? Nein, Jungs hören das Wort Liebe oder verliebt nicht so gern. Die Puppe kann sprechen – besser gesagt, sie vermag ein paar Worte hervorzubringen, mechanisch, fast ratternd, wichtige Worte allerdings: Flüche, Kampfrufe (Auf, Leute!), Befehle (Hau ab, du Krüppel!), Beschwörungsformeln (Wir holen die Polizei!). Das sichert dem stolzen Besitzer ein nicht zu verachtendes Renommee, weckt aber Neid und Begehrlichkeit.

Du weißt, sie sind hinter dir her. Sie haben dich zu spät gesehen, du standst in der Tram, doch gerade fuhr sie ab. Sie werden die folgende genommen haben. Zehn Minuten hattest du. Auch auf ihren Fahrrädern wären sie kaum schneller.

Hier geht es hinüber. Das wissen sie nicht. Das können sie nicht wissen. Es ist ein ganz besonderer Schriftzug (eine Schrift ist es nicht wirklich), der den Einstieg bezeichnet. Wie eine Markierung. Man bleibt einfach davor stehen. Kein Simsalabim, kein Sesamöffnedich. Der Putz blättert auf - für kurze Zeit - wie sich ein Mantel aufknöpft, und wer will, geht hindurch. Dann schließt sich die Öffnung wieder.

Ich habe meinen Stammplatz hier im Café Zum Pinselohräffchen und beobachte. Ich bin Parapsycholog, aber das nützt mir in diesem Fall nichts. Hier verschwinden Leute. Freiwillig, anscheinend. Ohne Spuren zu hinterlassen. Ich begreife es nicht.

Wohin du geraten wirst, Junge? Das weißt du nicht. In eine Parallelwelt. Das geht einem leicht über die Lippen, aber was dort ist womit hier parallel? Du nimmst an, dass es die Puppe sein wird, die dich dort führt. Das entbehrt nicht der Logik. Sie hat hier schon damit begonnen: du watest förmlich in den Schnipseln, die sie von den darüber geklebten Plakaten abgezupft hat.

Ich hoffe, du hast alles gut bedacht, Kolja. Ich meine nicht das, was drüben sein wird, sondern wie es hier, ohne dich, weitergehen soll.

Ihre Stimme. Wie von einem Navi, jetzt allerdings sehr deutlich. Ich habe mich sehr erschrocken. Mir wird bewusst, dass genau diese Stimme schon einiger Zeit in mir redet. Woher sollte ich sonst wissen, dass dieser Kolja beraubt werden soll und daher von Mitschülern oder einer Kinderbande verfolgt wird?

Ich bin verwirrt. Was wird jetzt geschehen?

Sie sind verschwunden. Der Junge und die Puppe. Gleichzeitig ein ohrenbetäubendes Geräusch, das anscheinend nur ich hören kann: wie wenn einer früher wütend den Telefonhörer auf die Gabel knallte.

Aus der Tram steigen Trauben von Schülern, die sich in verschiedene Gruppen aufsplittern. Aber keine von ihnen scheint auf der Suche nach etwas Wichtigem zu sein.

Es ist das dritte Mal, dass ich so etwas beobachte. In gleicher Weise gingen in die Wand ein: erst ein Penner, danach eine ältere, aber sehr gepflegte Dame. Beide ohne eine Puppe. Und ich hörte auch weder das eine noch das andere Mal eine Stimme aus meinem Innern, wie jetzt.

Die Kundschaft des Pinselohräffchens ist als durchschnittlich zu bezeichnen.

Es gelang mir, in die Gebäudegruppe hinter der Mauer vorzudringen. Sie umschließt einen Innenhof, dessen eine Flanke die andere Seite der Mauer bildet. Durch mehrmaliges Abschreiten der Fläche plus des Hausgangs, der von der Straße zum Innenhof führt, habe ich mich davon überzeugt, dass die Mauer keine außergewöhnliche Dicke aufweist, so dass sich in ihrem Innern weder Gänge, Treppen oder gar zimmerähnliche Räume befinden können.

Es war purer Zufall, dass ich einmal hier einkehrte, plötzlicher Kaffeedurst. Ich war nie zuvor in diesem Viertel gewesen. Ich suchte den Tisch auf, an dem ich auch jetzt wieder sitze, an dem ich seitdem immer sitze, es war damals der einzige, der frei war. Scharen von Pennern kamen vorbei, ich weiß inzwischen, es gibt in der Nähe eine Tafel. Einer war plötzlich stehen geblieben, bückte sich, kniete schließlich nieder, das Schuhband war aufgegangen. Dann richtete er sich wieder auf, sein Blick fiel auf den kurvigen Graffito an jener Wand, er trat vor sie hin – und ward vom Putz verschluckt. Ich ließ die Tasse fallen, das halbe Lokal blickte her, ich traute mich nicht zu fragen, ob jemand anderes dasselbe beobachtet hätte wie ich. Später stellte ich meine Frage, aber verklausuliert, über Umwege, man landet schnell im Irrenhaus, ich weiß das beruflich.

Nichts. Niemandem war irgendetwas aufgefallen.

Ich saß dann, so oft ich konnte, auf diesem Platz, zumal einige Tage später der älteren Dame dasselbe geschah. Sie wechselte die Handtasche von der rechten auf die linke Schulter, da stand sie plötzlich nach einer Vierteldrehung vor der Wand und – na, Sie wissen schon. Diesmal haben mit Sicherheit fast alle im Lokal in dieselbe Richtung geguckt wie ich, weil dort gerade ein heftiger und lautstarker Streit zwischen zwei mit großen Einkaufstaschen bewaffneten Megären ausgebrochen war, der kurz danach zu Handgreiflichkeiten führte. Hat er sie von der älteren Dame abgelenkt?

Es ist nicht nur Neugier, sondern vor allem professionelles Interesse, das mich immer wieder hierher bringt. Immerhin sind bis zur Geschichte von Kolja und der Puppe fast zwei Monate vergangen. Und dieses Mal gab es die irritierende Stimme und ein Moment des Zögerns. Das war neu.

Ich werde weiter Protokoll führen.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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