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einhorn insel der seligen

Schlafe, mein Prinzchen


Sanft ruht er in deinem Arm. Wie habt ihr das verdient, ihr beiden?

Du bist auf Nummer Sicher gegangen, sagst du, hast ihn erst erwürgt, dann den Kopf vorsichtig abgetrennt, dann den Körper begraben (bzw. zur Bestattung freigegeben). Den Kopf solltest du behalten zum Zeichen der Erinnerung. Aber was du fandest an Rezepten zur Herstellung von Schrumpfköpfen, taugte nicht. Geduld! mahnten die Brüder, Geduld! Aufbewahrt hast du das zukünftige Mahnmal zum Schutz vor aasfressendem Getier wie vor Schimmel an sicherem Ort, doch du musstest dich trennen von deinem Widerpart, musstest aber auch immer wieder den sich verändernden Zustand des Kopfes überprüfen. Die Brüder ermahnten dich, lobten dich auch. Sei standhaft, Bruder Henker! Wir alle sind stolz auf dich, dass du das Gedächtnis bewahrst an unseren Sieg über den Feind.

Ach, Bruder! Selber kannst du gar nicht stolz sein! Gedrückt hast du dich in Wahrheit vor dem Schicksals-Kampf, der eigentlich nur eine harsche Schlägerei war mit einer rivalisierenden Bruderschaft. Es ging allerdings um viel bei diesem Erbschaftsstreit, um etliche Hektar Weinberge nämlich, daher die Erbitterung auf beiden Seiten. Am Ende hatten deine Brüder gesiegt, die Raufbolde vom Nachbartal ergriffen die Flucht. In naiver Verblendung ließest du dein Versteck Versteck sein und ranntest aufs Schlachtfeld, und plötzlich war allen klar, dass du ein Feigling warst, einer, der den gemeinsamen Kampf verweigerte, dem die eigene Haut wichtiger war als die gemeinsame Sache, ein Kameradenschwein. Dabei hatten deine Brüder einiges riskiert für ihre zukünftigen Besäufnisse. Viele trugen Fleischwunden oder entstellende Beulen davon, humpelten, ja lagen noch bewusstlos. Man war mit Knüppeln aufeinander losgegangen, Steine waren geflogen. Und am Ende lag da einer von den anderen, tot. Erstochen. Eindeutig. Das Messer war verschwunden.

So weit hatte man nicht gehen wollen! Messer waren als Waffen nicht in Frage gekommen, ein Ehrenkodex, es war so verabredet auch mit dem Gegner. Sterben sollte niemand.

Der geschlagene Gegner willigte ein, dass ihm die Leiche des Toten ohne Kopf ausgeliefert würde. Dafür sollte er einen Anteil an den strittigen Weinbergen erhalten, allerdings nur in Form des Endprodukts und nur bei normalen bis guten Ernten.

Aus der allgemeinen Bestürzung war der Gedanke entstanden, dich, Bruder, angemessen zu bestrafen, dir die Obhut über die Leiche und das Aufbewahren des Kopfes anzuvertrauen. Dass du sein Henker gewesen wärst, das haben sie dir so vorgesagt, sie haben dich täglich darin bestärkt, es würde dir helfen, hatten sie gesagt, deiner Verantwortung gerecht zu werden. Wie es scheint, glaubst du es inzwischen wirklich.

Das mit dem Gedenken - damit war es ihnen ernst. Sie hatten ja auch etwas abzubüßen. Man tötet keinen Menschen für ein paar Hektar Land, und sei es auch noch so fruchtbare Erde. Dadurch, dass sie alle Folgen ihres Tabubruchs dem einen Bruder, dir, zugeschanzt hatten, gewannen sie Zeit, um mit dem, was da geschehen war, fertig zu werden. Und für ihn, so dachten sie, war es eine angemessene Sanktion.

Dabei geriet auch die Frage, von wem eigentlich der tödliche Messerstoß gekommen war, ganz aus dem Fokus. Im dicht gedrängten Getümmel Mann gegen Mann, Bruder gegen feindlichen Bruder, wo man sich würgte und schlug, trat und abwatschte, hatte es keiner genau gesehen. Nur der Mörder, oder sagen wir: wer in tadelnswerter Absicht (oder doch eher in Notwehr?) die Klinge geführt hatte, der musste wissen, dass er es war, der getötet hatte.

(In dem Augenblick, als der Todesschrei ertönte, hatte sich der Feind jäh zur Flucht gewendet. Er gab übrigens nie wieder Anlass zur Sorge, dass er wiederkommen könnte. Die Aussicht, trotz der Niederlage zusätzlich Wein zu bekommen – und dies, ohne selbst im Weinberg schuften zu müssen – hatte ihn beruhigt)

Die Frage nach dem Messerhelden blieb nur an der Oberfläche ein Tabu, denn die menschliche Neugier ist grenzenlos. Die Brüder beobachteten sich scharf. Wer getötet hatte, der musste doch irgendwie ein anderer geworden sein, irgendetwas an ihm musste auffallen.

Aber so war es nicht.

Auch das Messer selbst gab Anlass zum Grübeln. Jeder hatte ein solches Messer zuhause, vielleicht auch mehrere, Dutzendware.

Das alles ist lange her. Jetzt ruhst du, Bruder Henker, wie sie dich weiterhin nennen, mit dem wieder vorzeigbaren Schädel im Arm. Um deine Träume bist du allerdings nicht zu beneiden. Jeden Morgen findest du dich in einer Lache Schweiß wieder, manchmal vermischt mit Urin.


Soso.


Du bist ein Phänomen. Eine solche Geschichte hätte sich niemand ausdenken können außer dir. Der Totenkopf ist dein Markenzeichen. Gut, dass du immer wieder Schlaf findest. Schlecht, dass du manchmal wirklich im Traum strampelst mit beiden Beinen und wild um dich haust, aber nur mit einem Arm, deinen Schädel lässt du niemals los.

Er ist dein Talisman.

Er ist dein Baby.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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