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einhorn insel der seligen

De tu envidia nace mi fama


Es wächst ein kleiner giftiger Busch aus meinem Unterleib. Blütenlos, wie er ist, besprüht er aus unsichtbaren Drüsen jeden, der ihn anblickt. Hier ist seine Welt, hier ist seine Mauer.

Hier hast du nichts zu suchen.

Doch du stehst vor dieser mit Buchstaben bekleckerten Mauer, vor mir, und glotzt.

Sag nicht, du habest dich verirrt. Sag gar nichts. Glotz ruhig. Das Gift hat schon gewirkt.

Diese Inschrift hält dich fest, ich weiß. Du grübelst. Hat sie der Schreiber, dieser Schmierer, überhaupt selber begriffen? Seine Buchstaben schwanken zwischen Groß und Klein, sie krümmen sich, sie driften auseinander. Das wäre dir nicht unterlaufen. Bloß hättest du dich nie im Leben getraut, etwas auf eine Wand zu schreiben, und wäre sie noch so heruntergekommen.

Hier wäre doch auch für dich ein guter Ort gewesen, um markige Lebensweisheiten loszuwerden und einer vorläufigen Ewigkeit zu schenken, wie: Quäle nie ein Tier zum Scherz … oder: Geld allein macht nicht ... Denn hier trifft sich die Jugend, hier liegen Müll und zerbrochene Flaschen, sogar Kondome.

Ich sage dir aber: Keiner würde deine Trouvaillen lesen. Die haben andere Sorgen. Sie sind jung und vor ihnen liegt noch ein gewaltiges Stück Zukunft. Da sieht es momentan ziemliches grau aus.

Du bist verwirrt. Geschieht dir recht. Es gibt so vieles - außerhalb von dir und gar nicht weit entfernt - was du nicht kennst oder nicht begreifen kannst, trotz deiner Jahre.

Sieh mich an. Ich bin korrekt gebaut und sauber verputzt. Für den Busch kann ich nichts. Warum ich zu dir rede?

Du bildest dir allerhand ein. Es sind die Buchstaben auf meiner Haut, die mit dir sprechen. Sie sind das Gift. Sie posaunen etwas in deinen Kopf hinein, und drinnen gibt es ein Echo.

Müllbeutel, Scherben, Kondome: ja, die sind real. Jede Nacht kommt etwas dazu, alle vierzehn Tage wird es eingesammelt und in eine Grube gekippt.

Aber DJNU: das bin nicht ich. Ich bin vereinnahmt worden. Aber ohne mich wüsstest du nichts von ihm und seinen eitlen Sprüchen. Ohne diesen Kerl, der mich ungefragt beschmiert hat, würdest du keinen Blick, keinen Gedanken an mich verschwenden. Ich Mauer, du Passant.

DJNU ist vielleicht niemand, aber sein Name steht hier, und du schüttelst den Kopf. Du fragst dich und bekommst keine Antwort. Du bist an einem Ort, der sich dir nicht fügt, aber keiner hat dich gezwungen hierher zu kommen, hier stehen zu bleiben. Ich bin immer hier: Versteck, Zufluchtsort und nun auch Hüterin eines Spruchs.

Wenn du ihn für eine Weisheit halten willst – bitte sehr!

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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