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einhorn insel der seligen

Lumpen


Ein jedes Ding soll Wert und Wirkung möglichst lange behalten, das wünschte man ihm. Denn es wurde erdacht und gemacht, verkauft und benutzt. Doch nun geht es bergab mit ihm, sein Kurs sinkt stetig und immer schneller, bis jemand sich ein Herz nimmt und es zerstört. Was von dem Ding übrig bleibt, will man nicht mehr sehen.

Das Zerstören dient dem bestmöglichen Zweck: Platz zu schaffen für Anderes, Neues. Jedes Sterben macht Platz für neues Leben. Doch erst ein Massensterben birgt die Chance, dass eine neue Ära beginnen kann. So war es bei den Sauriern, so ist es heute. Man stelle sich vor, die Saurier hätten, wie unsere Vorfahren, ein Gehirn, Intelligenz, Bewusstsein entwickelt, lebten in sofabestückten Wohnzimmern oder übten sich in abstraktem Expressionismus! Würden wir uns selbst zerstören oder auf andere Weise aussterben, was käme nach uns? Rostfreie Maschinen? Die gegenseitige Ausrottung planende Tausendfüßler?

Mithin gilt, wer zerstört, zurecht als nützliches Mitglied der Gesellschaft, ein Krempel hortender Messie wird verlacht.

Das Zerstörte wird aus dem Verkehr gezogen und auf Müllhalden und Schrottplätze gepfercht. Sammeln wollte man es eigentlich gerade nicht, aber es löst sich nicht in Luft auf. Verbrennen ist oft möglich, das nimmt die Luft zwar übel, doch man kann der Luft nicht immer schön tun. Alles, was nicht brennt, muss jedoch zuvor erneut separiert und gelagert werden.

Ein transparenter Vorhang – Store sagten wir in meiner Kindheit – steckt hier in einer Plastiktüte, die sich mit einem dummen Spruch in einer fremden Sprache groß tut. Der Store zeigt sich ungebärdig, quillt aus der Tüte hervor, bauscht sich auf, bringt sie vielleicht irgendwann zum Kippen. Wie manchmal, wenn du müßig in die Wolken blickst, möchtest du in solch unregelmäßigen Konturen Abbilder realer Wesen oder Dinge erkennen, Pausbackgesichter, Tierrücken oder das Profil einer Feder. Nichts davon hier. Es ist ungehörig, beinahe ungezogen, wie der Store sich eine Gestalt gibt, keine nämlich, maßt er sich denn keine an?

Die Tüte oder Tasche hat größere Chancen, weiter verwendet zu werden. Ihre Anmaßung steckt in dem aufgedruckten Spruch, der sie quasi zwingt, so lange wie irgend möglich benutzt zu werden, denn er formuliert eine Devise zur Rettung der Welt. Wert in Erz gegraben zu werden, hätte man früher gesagt. Leider treibt sich der Spruch mit seiner Tüte in einem Land herum, wo ihn nur wenige verstehen. Aber egal: es ist ohnehin nicht mehr Früher angesagt, sondern Heute läuft. Morgen ist noch unsichtbar, aber sein Heulen und Zähneknirschen ist schon zu hören.

Wer nicht auf sich achtet, wer sich in keine klare Form bringen lässt, wer nicht bedingungslos funktioniert, hat schlechte Karten. Wer sich weigert, zu einem ordentlichen Paket zusammengefaltet und korrekt eingetütet zu werden, verdient die Ausmerzung. Die Tasche ist geduldig. Sie trägt den alten Store hin, wohin er gehört, kommt ohne ihn zurück, dafür gefüllt mit Klopapier, zum Beispiel, und Ritter Sport.

Wir sind alle Müll, letztendlich (dieses Wort passt hier hundertprozentig). Mer werdet eh all ze Modder, soll Nationalheros Goethe in einem unbewachten Augenblick gesagt haben. Was aber bleibt, stiften die Dichter, sagte ein anderer, ein Verrückter.

Der Satz auf der Tüte stammt nicht von ihm.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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