Aktueller Eintrag
Frühere Einträge
Archiv
Schlagwörter

einhorn insel der seligen

Aufgefahren


Manchmal bleibt etwas zurück. Sichtbar, berührbar. Bereit, als pars pro toto einzugehen in eine große Erzählung vom Hier und vom Dort, vom existenziellen Sprung ins Anderswo.

Ein nunmehr höheres (oder sich eine Berufung zu Höherem anmaßendes) Wesen lässt sich denken, das einer Sockenexistenz durch Flucht entkam. Das, sich entschlossen abstoßend aus einem trüben Raum, aus einer scheinbar geregelten Ordnung, eine andere Bestimmung fand.

Keine Heldentat. Jedoch ein Willensakt.

Massive Wintersocken gewähren den Füßen, die so weit vom Blut pumpenden Herzen entfernt sind, Schutz und hemmen das Abfließen von Wärme.

Sie abzustreifen heißt: auf Sicherheit verzichtend sich ins Unbekannte begeben. Doch das Abstreifen von Fußbekleidung ist erst der Anfang, ist noch kein Verlassen der harmlosen Zonen.

Man imaginiert einen Sprung, vielleicht zunächst auf die Sitzfläche des schwarzen Stuhls. Es müsste sich ein Erklettern der darüber vermuteten Wand anschließen. Ob aber das makellos weiße Sitzpolster einer Landung von 170 Pfund Lebendgewicht gewachsen ist, wäre zu überlegen. Dazu müssten auch die Sprunggelenke der entspringenden Person in einem außergewöhnlich guten Zustand sein.

Konzentrieren wir uns lieber auf die sich nach hinten öffnende Tür, die nur eine einfache Körperwendung um ca. 120 Grad erfordert, um aus der Sockenzone zu verschwinden. Dabei sind Kletter-Eigenschaften eines Geckos unnötig, da die Ebene beibehalten werden kann.

Ein Mensch (das ist unsere Annahme: dass kein Menschenaffe in diesen Socken steckte), ein Mensch allerdings, der sich Eigenschaften eines Geckos aneignen könnte oder diese im Verborgenen besessen hätte, wäre schon für sich allein genommen ein prominenter, ein unvergesslicher Held unserer im Gang befindlichen Erzählung, doch vielen im Publikum, die nur an die Wissenschaften glauben, unzumutbar.

Lassen wir also den Sockeneigner den Weg nach der Tür nehmen. Dahinter wäre ein chaotischer Raum zu vermuten, in scharfem Kontrast zur Rechtwinkligkeit der Ausgangssituation: Anderssein als Chaos, als Verführung. Zumal auch das Sockenpaar in einem chaotischen Zustand zurückgelassen wurde.

Das Unaufgeräumte an sich macht noch keine höherwertige Existenz aus. Die danach strebende, flüchtige Person muss sich durch wild Aufgehäuftes und nachlässig Hingestapeltes kämpfen, bis sie über eine weitere Türe (das ist zu hoffen) Freiräume erreicht, in denen sie ins Schwingen und Schweben kommt oder von einem Balkon auf eine grüne Wiese springt, um dort zwischen Brennnessel, Giersch und Löwenzahn barfüßig herumzutollen.

Grässlich wäre es, müsste sie unverrichteter Dinge zum treulich ausharrenden Sockenpaar zurückkehren in diese unsere Welt, in der hingepfefferte Socken entweder wieder angezogen, weggeworfen oder zur Wäsche gegeben werden müssen.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

WEBDESIGN |  SEPP FISCHER