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Tzimtzum


Tzimtzum ist gemäß der Kabbala die Selbstkontraktion Gottes aus seiner eigenen Mitte. Dadurch sei die Welt entstanden. Nur so habe sie entstehen können.

Wir sind also Geschöpfe einer geschrumpften Welt. Mit ihr eingeschrumpft auf ein Maß, das es Gott ermöglicht, mit uns umzugehen. Mit uns fertig zu werden. Als Ganzes mit einem so kleinen Teil seiner selbst zurechtzukommen ist nicht leicht. Das wissen wir aus eigener Erfahrung. Wir sind schließlich Gottes Ebenbilder. Und da wir aus Gottes Mitte stammen, sind wir inmitten all jener unvorstellbaren Unendlichkeit, aus der wir herausgeschrumpft wurden, gleichzeitig deren Nabel und Mittelpunkt.

Nein, es gibt keine Aliens, folgern wir Erdenbürger aus dem Tzimtzum. Wir sind das auserwählte Volk.

Nun ja.

Unsere Welt ist, seit die Wissenschaft begann, dem Glauben Grenzen zu setzen, eng verbunden mit der Vorstellung einer Kugel. Der Globus ist unser ganzer Stolz: ein kleiner Schubs, und wir kommen (mit dem Auge, mit dem Finger) in eine andere, fremde, für die meisten unerreichbare Weltgegend. Im Bild des Globus gehört uns die Welt. In effigie.

Die Astronomie lehrt, dass diese unsere Kugel in mindestens vierfacher Verwirbelung (Rotation, elliptische Bahn um die Sonne, Begleitung der Sonnenbahn durch die Milchstraße und mit dieser im All) eine möglicherweise errechenbare, aber nicht in Worten beschreibbare Bewegung vollführt. Das legt einen Schleier, eine Unschärfe über sie, den die Mathematik selbstherrlich ignoriert, den aber keine andere Denkbewegung lüften kann.

So sieht es aus in Gottes Bauch.

Um uns sind konkrete Dinge: Linien, Flächen, Öffnungen, Materialien aller Art (etwas anderes haben wir nicht). Das Licht, das einmal alles war, denn Gott war (und bleibt für immer) nichts anderes als Licht, ist verblasst und trüb. Wir befinden uns in einem Hohlraum mit unseren sich aushöhlenden Gedanken, denen sich sogar unser Lieblingskörper, die Kugel, der Globus, entfremdet. Es ist die Trauer der Trennung unseres Welten-Raums vom Unendlichen, die uns die Orientierung nimmt.

Doch Gott ist da, versichert das Tzimtzum. Wenn es so ist, sind wir das, was in ihm rumort. Wir sind die leibhaftige Trauer von Geschöpfen, die alles Erdenkliche besitzen, nur nicht den Sinn.

Wir sind die Melancholia.

Und Gott bekommt niemals Bauchgrimmen.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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