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einhorn insel der seligen

Wype


Hallo! Ich bin eine Wand. Ziemlich hart im Nehmen. Du solltest blitzschnell nach rechts lenken und mich umfahren! Da heult der Motor, spotzt, säuft ab. Aber: Kurve gekratzt. An Zickzack musst du dich gewöhnen. Höchstrisiko: umkippen und ein paar leichte Aufschürfungen. Vorsicht bei Häschen auf dem Sozius!

Die Augen lecken, die Augen rinnen. Gegenwind. Was für ein Leben! Die Augen lechzen. Immer ausweichen, sonst, immer zurückstecken! Aber hier! Freiheit für Schwünge und Volten. Höchsttempo verpflichtend.

Im Nu verwandelt, Grabstein: die letzten Sekunden eines weinenden Doppelkopfs. Die letzte Gebärde, der letzte, abirrende Blick. Spart euch die Kränze. Ihr habt keine Ahnung, wie es ist jenseits des Jordan. Grübeln zwecklos.

Das Bild wechselt. Kraftvolle Ruhe. Wipe the Hype.

Ein Schlitten im Schnee auf leicht abfallendem Gelände, geringe Beschleunigung. Slow-gliding. Radikal anders als beim Skeleton: man säße aufrecht, kerzengerade, sähe weit in die Runde: Bäume, verlassene Almhütten. Nach Lust und Laune könnte man durch Wippen mit dem Oberkörper Tempo dazugeben oder wegnehmen. Eine souveräne Position, kein Ducken, keine Windschnittigkeit, kein Zehntelsekundengebrülle.

Am besten zu zweit. Das Fühlen des anderen Körpers, der die Bewegung teilt und mitteilt. Kompaktheit. Gelegentlich ein geflüstertes Wort, eine einvernehmliche Kurskorrektur. Die Gegenwart könnte zur Ruhe kommen und sich ausdehnen.

Letztlich bloß: ein paar hingesprühte, hingesaute Linien an der Wand. Aber: Erschaffung eines neuen Wesens, das verblassen und verschwinden wird wie alle Wesen, vielleicht später als ich und du (oder früher, wenn es einen Mauereigner gibt, der es gern steril und sauber hat). Lustig mit den hopsenden Augenkugeln, nachdrücklich mit dem Bogenschwung eines alten und zugleich neuen Buchstabens, der zum Lesen reizen, aber nichts von sich preisgeben will.

Kommt dir das nicht bekannt vor?


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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