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einhorn insel der seligen

Die Windsbraut


Es hat sie nicht gehalten in den Lüften. Baustellenstaub hat sich in ihr festgesetzt, sie träge und schwer gemacht. Sie ist kopfüber vom Gerüst gestürzt. In sich gekrümmt liegt sie zwischen Zigarettenstummeln auf dem Pflaster. Der Wind hat ihr einen Zweig nachgeschickt und über sie gebreitet.

Die unerbittliche Härte der Steine scheint den Brautschleier in ein Totenhemd verwandelt zu haben.

Es gab Zeiten, da wurden die Gestorbenen hockend bestattet. Mit angezogenen Beinen und um Körper und Knie gelegten Armen schien der Tote noch erfüllt von der geballten Energie des Lebens.

Doch die Windsbraut ist nicht tot. Ihre verborgene Kraft schreibt eine elegante Schleife auf den trostlosen Untergrund. Mit dem Ast kann sie sich jederzeit wieder erheben, den Staub abschütteln und aufsteigen in ihr Element.

Meine Güte, was du dir so aus den Fingern saugst!

Wir treten immer auf Verendetes und Zerfallenes, wenn wir durch die Straßen gehen. Wir achten nicht darauf, wir spüren es nicht durch die Sohlen hindurch, an ihnen bleibt auch nichts haften. Würde es dir etwas ausmachen – ganz gleich, ob du es sofort oder erst im Nachhinein bemerkst – auf diesen Schleier zu steigen, womöglich eine Kippe auf ihm auszudrücken?

Es ist Abfall.

Aber es bedeutet etwas. Es besteht aus feinen Maschen, die sich an manchen Stellen schon aufgefädelt haben und wie Tentakel eines Meerestiers die Umgebung ertasten wollen. Eine Figur, die eins zu sein scheint mit ihrer Hülle.

Ihre Wirbelsäule – wenn sie denn eine hätte - wäre jedenfalls nicht mehr zu retten. Was den Zweig betrifft, so redest du puren Unsinn. Der Wind kann ihn flach übers Pflaster gleiten, aber nie und nimmer wieder in die Höhe steigen lassen!

Ja. Lass. Stell dir einfach vor, der weiße Schleier sei Teil eines Brautkleids gewesen. Die Braut wurde entführt, hoch oben auf dem Gerüst wurde ihr der Schleier entrissen. Da glaubte sie noch, es sei nur ein Spiel, einer dieser blöden Bräuche, auf die junge Männer stehen bei solchen Feierlichkeiten, aber dann …

Hör auf, hör auf mit deinem Gefasel! Da ist nichts als ein Stück Stoff, das jemand weggeworfen hat. Es wurde nicht mehr gebraucht, und basta! Was hast du nur für einen Mist im Hirn!

Es bewegt sich nicht und bauscht sich doch. Die zersplitterten Ästchen unter dem Schleier bilden ein Gerippe. Da liegt dieses Wesen und wartet.


Du hast dich abgewandt, hast ausgespuckt, bist schon um die Ecke. Weil du Angst hast vor den kleinsten, den winzigsten Dingen, die du nicht begreifst.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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