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einhorn insel der seligen

Wollen und Sollen


Die Gedanken sind frei. Dies wird selten bestritten. Gedanken werden einem auch nicht streitig gemacht: Solange sie nämlich eingesperrt im Kopf bleiben, nicht auf die Zunge hüpfen und frech heraus aus dem Mund - oder gar schriftlich fixiert werden. Netzweit, weltweit, womöglich. Bitte nicht. Es könnten fixe Ideen daraus entstehen.


Der Wille ist frei. Wie könnte man sonst sündigen? Adam und Eva hatten Appetit und waren neugierig: sie aßen die unbekannte, strahlend schöne Frucht. Sie unterlagen einem doppelten Trieb, niedrigen Widrigkeiten. Hätten sie das nicht getan – nun so gäbe es uns alle nicht, und eine Kirche oder andere Religionen wären nie entstanden. Das wäre doch bedauerlich. Im Übrigen bin ich sicher, dass den Stammeltern dieser Granatapfel – oder was immer es gewesen sein mag - hervorragend geschmeckt hat.

Ich bin so frei, sagte Adam und reichte Eva ein Feigenblatt. Er musste nicht sagen: Sind Sie noch frei? Beide hatten keine Wahl. Da war er futsch, der freie Wille. Später erkannten sie sich trotzdem. Das war sicher nicht ohne Lustgewinn. Und das Feigenblatt wird an Schönheit von keiner anderen Blattform übertroffen.

Der Eintritt ins sogenannte Paradies war nicht frei, denn zuvor gab es Adam und Eva gar nicht. Der Ausgang war es ebenso wenig. Dazwischen lag der freie Wille – als Sünde.


Der Mensch sollte frei sein, damit die Religion wachse und in den Herzen brüte und wüte, du meine Güte, war das Gottes Plan?

Gott selber ist frei. Das hat er hinreichend bewiesen.

Selbst Luzifer ist frei, leider einseitig. Sein hinkender Pferdefuß verrät es. Noch mehr sein ruheloser Schwanz, mit dem er seinen Stallgeruch wegwedelt. Doch redlich strengt er sich an, grimassiert, bezaubert, verführt, verdirbt. Die Hörner stören die wenigsten, und er verweist je nach Sachlage auf Moses oder den bildschönen Stier, auf dem Europa nach Europa ritt.


Über all das lachen wir heute. Kinderglaube.


Der Wille ist frei. Aber er hockt im Hirn. Macht mein liebes Hirn, was ich will, oder steuert es mich, ohne dass ich es merke? Da mein Hirn ein Teil von mir ist, bereitet mir das kein Kopfzerbrechen. Wäre ja schade um meinen Kopf, und es griffe auch das Hirn an. Bloß: Mein Bewusstsein hätte dieses eigenwillige Hirn gern unter Kontrolle. Geht aber nicht.


Ein guter Wille ist nicht frei. Gut ist er halt. Das muss genügen. Ihm und uns. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Dann kommt das Töpfchen aufs Feuer, und bald brutzelt es drin.


Noch schlimmer ist womöglich dran, wer willig ist. Der findet sich auf einmal mitten in Willkür wieder, denn Willkür ist das Gegenteil von Kür: Ochsen ziehen Karren, Sklaven bewegen das Laufrad, Tanzbären tanzen, Maskottchen und Präsidentengattinnen repräsentieren. Alle mehr oder weniger willig.


Gesagt, getan. Gewollt, getan. Wo ist der Abstand größer?


Was soll also all unser Wollen?

Sollen wir denn wollen, was wir sollen?


Das würde manches vereinfachen. Wir bekommen ein Soll geliefert, mit Ausführungsbestimmungen. Wir dürfen es erfüllen, wenn wir das tun, werden wir belohnt, d.h. wir dürfen weiterleben. Klare Sache. Hat’s schon oft gegeben. Hat’s überwiegend gegeben in der Zeit hinter uns. Fast ausschließlich sogar. Ist eine andere Paradiesgeschichte.

Die Freiheit bekommt also Grenzen verpasst, während der Wille herumtobt und unbedingt sein Ding machen will. Er kann nicht heraus aus seinem Hirn und boxt das Bewusstsein.


Wenn es wirklich einen Teufel geben sollte, hätte der seine helle Freude. Was Gott betrifft – das möge lieber offen bleiben.


Wille kann tödlich enden. Für mehr als einen. Wehe, wenn er losgelassen. Mit dem Sollen ist es nicht anders. Das legt sich wie ein Gewicht auf dich, bist du flachliegst. Oder eben explodierst. Zwischen beiden Möglichkeiten liegt die Sollbruchstelle.


Da wären wir bei der Vorsicht, bei der Vorsehung, bei Gott und unserer Vernunft.


Au weia.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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