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einhorn insel der seligen

Auf der Kippe


Wenn der Körper seine Kräfte nicht mehr koordinieren, sie nicht mehr bündeln kann, beginnt in ihm eine schleichende Zerfaserung. Sie kann anfangs verdrängt werden. Die Gedanken bleiben allerdings wachsam. In ihrem Innern tauchen jetzt mehr und mehr Bilder aus der Vergangenheit auf, wimmeln wild durcheinander, stoßen sich, drängeln, widersprechen sich, wollen einander berichtigen, schließen Kompromisse, müssen sich jedoch am Ende unweigerlich mit dem Vergessen versöhnen.

Das Vergessen ist das andere Zerfasern, das viel später bemerkt wird.

Es bleiben Erinnerungen ohne Selbstgewissheit. Sie reden mehr und mehr mit den Toten (bei ihnen suchen sie eine trügerische Sicherheit) und sprechen dabei doch nur mit sich selbst.

Auch mit mir wird jemand reden können nach meinem Tod. Ich werde vorkommen in den Reden anderer, ja, bestimmt, eine Art Spur sein vielleicht, etwas wie ein Fußabdruck, eher zufällig, oder - wie?

Welcher Impuls kann dazu führen?

Sinnlose Frage, bei Fragzwang.

Die Gedanken wollen das anders sehen, sie hängen ja stets an Fragen. Sie bestehen darauf, deren Sinn selbst zu bestimmen. Sie wissen, dass sie das Beste sind, was wir haben, weil sie unseren Taten turmhoch überlegen sind. Nur von ihnen könnte jener Impuls kommen, der uns jenseits der Schwelle des Todes erreichte.

Die Gedanken waren stets unermüdlich tätig. Sie haben so viele Welten erbaut für dieses wie für ein zweites Leben, schöne und schreckliche. Weil es schreckliche und schöne Taten gibt. Die sollen nicht umsonst gewesen sein, nicht wahr? Die Gedanken pochen auf Kontinuität. Worauf sollten sie sonst pochen?

Ich habe Zugriff auf das Hier und das Jetzt, die beide langsam schrumpfen und schließlich verschwunden sein werden. Bis an die Grenzen meiner Denkfähigkeit kann ich gehen und teilhaben an anderen Gedanken, an allen Gedanken sogar, die Menschen gedacht haben, die längst tot sind.

Warum genügt mir das nicht?

Weil ich auch tot sein werde.

Weil ich davon träume, dass dies ein Impuls wäre, der von beiden Seiten die Schwelle überschreiten könnte. Zu mir her und von mir wieder zurück.

Meine Gedanken haben, wie die Gedanken aller, der Lebenden wie der Toten, vom Baum der Erkenntnis gegessen. Und dieser Baum war nur der allererste von vielen anderen. Die Hoffnung besteht darin, dass es solche Bäume auch in der anderen Welt gibt. Oder dass wenigstens ein Strauch, ein Busch, ein arm Kräutlein aus meinem Grab wachse.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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