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einhorn insel der seligen

Ich und ich und ich


Wir sind wir. Überall wollen wir sein. Für lange, lange Zeit. Alle sollen, alle müssen wissen, dass es uns gibt.

Pauli ist noch zu klein für die Spraydose. Er ritzt. Opa und Oma sind gerührt. Opa hat sein Schweizer Offiziersmesser verliehen, Oma steht Schmiere. Es könnte ja per Zufall so ein Gärtnerschnösel vorbeikommen …

Pauli schreibt nur seinen eigenen Namen in Großbuchstaben. Er hat schon ein Gefühl für Hierarchien. Ohne ihn, den Ritzkünstler, wären Opa und Oma hier nicht verewigt. Noch dazu war es seine Idee.

Der kleine Gernegroß, denkt Oma gerührt und ist stolz. Das hat er von der Mama und die Mama hat es von ihr. Nur leider hat weder die Mama noch hat sie selber den Richtigen geheiratet.

Der Junge ist ein Macher, denkt Opa. Er selber liebt Schrauben und Dübel über alles, tüftelt an allem herum, blockiert einen Kellerraum mit seiner Elektrischen Eisenbahn. Oma hat das nicht gefallen, leider. Und der Schwiegersohn – von dem weiß er nicht viel. Es ist Oma, die ständig mit der Tochter telefoniert, oft tuschelt sie oder geht aus dem Zimmer.

Pauli denkt nichts. Es war gar nicht so leicht, so eine Pflanzenhaut ist zäh, leistet Widerstand. Beim letzten Buchstaben von Oma ist er fuchtig geworden, hat wild herumgefuhrwerkt. Opa musste ihn beruhigen. Die Zahlen sind dann nicht mehr schön geworden, bei der ersten Zahl hat er sich verhauen. Opa musste ihn berichtigen, das hat ihm gar nicht gefallen. Aber er sieht ein, dass das genaue Datum wichtig ist. Sonst könnte ja jeder kommen.

Erschöpft betrachtet der Junge sein Werk.

Exegi monumentum, aere perennius, nein, das denkt keins von den dreien. Opa reinigt das Schweizer Offiziersmesser sorgfältig mit dem Taschentuch. Oma streicht Pauli über den Kopf (was er auch nicht besonders mag). Sie wissen alle drei nicht recht weiter.

Genügt das schon, sich in einer einzigen Pflanze, in einem einzigen Blatt dieser Pflanze unter den vielen Tausenden von Pflanzen in diesem Park mit dessen Besuchern bekannt zu machen? Sollte man nicht noch Adresse und Telefonnummer hinzufügen? Dazu ist das Blatt entschieden zu klein. Oder Pauli hat allzu impulsiv begonnen mit einem zu großen P? Omas Gedanken verheddern sich ein bisschen. Der Junge hat Temperament, ja, das hat er, unser Pauli.

Opa hat nicht aufgepasst, er ist nicht mehr der Jüngste, er hat sich beim Reiben an der Klinge den Finger geritzt. Ein bisschen nur. Nicht weiter schlimm, die Blutung hört sofort auf, aber den Fleck auf dem Ärmel, den wird Oma spätesten heute Abend sehen und eine kleine Szene machen. (Du leihst ihm dieses Messer, ich wusste ja nicht, dass es so scharf ist. Der arme Pauli hätte sich einen Finger abschneiden können, du verantwortungsloser Luftikus!)

Wie lange lebt so eine Pflanze? fragt Pauli plötzlich.

Sie wüssten es nicht, sagen sie. Ein Skandal! Wer weiß, dieses nichtsnutzige, fette Gewächs ist übermorgen tot oder nach dem Winter oder in ein paar Jahren – und er hat sich solche Mühe gegeben. Alle Finger tun ihm weh. Da – das Blatt daneben fault schon vor sich hin. Oder jemand reißt es ab, der Gärtner zum Beispiel … Und diese Großeltern! Schleppen ihn in diesen langweiligen, lausigen Park, er tut ihnen was zu Liebe, bricht sich fast die Finger ab - für nix!

Pauli beschließt sich im Rest des Urlaubs mit kleinen Bosheiten zu rächen.


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© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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