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einhorn insel der seligen

A la trappe


Häschen!

Manche nennen andere so.

Ein hoch affektives Wort. Mich überfällt es, mich blendet es. Ich muss mich abwenden.

Dabei kann ich nicht leugnen, dass ich bloß vor einer Mülltonne stehe, in die die einen hineinstopfen, was sie für kaputt oder überflüssig halten, während andere unbesehen hineingreifen und tastend prüfen, ob noch etwas Verwertbares drin sei, das sie zu Geld machen könnten.

Die Klappe der Tonne schließt nicht. Ein Strohhalm, eine zerknüllte Folie und ein Rest von einem Müllsack halten sie offen. Wäre die Klappe geschlossen, wäre ich wohl vorbeigegangen, hätte nicht unbesehen gedacht an dich (und dich und dich …).

Nie habe ich jemand Häschen genannt. Das wäre eine seltsame Liebe, die sich in Tiernamen kleidete. Ein Streichelzoo.

Doch was ich wollte, war nicht weit davon entfernt: Ich wollte eine Art kindliches Paradies, einen Schonraum, der geschützt gewesen wäre von der Bosheit und dem Geruch des Geldes. Da ist kein großer Unterschied, wirst du sagen, zur Verwendung eines Kosenamens. Der Name wäre wie eine Eintrittskarte ins Gelobte Land.

Der Eingang läge direkt neben der Mülltonne, dem Abfall, der Fäulnis, dem Gestank.

Halten wir fest: Der Abfallbehälter ist Realität. Häschen hat einen imaginären Bezugspunkt, ist ein hingeworfenes Wort im dürftigen Körper einiger Buchstaben. Soll wahrscheinlich witzig sein.

Halten wir weiter fest: Es gibt zu viel Abfall. Er türmt sich um uns herum. Die braven Müllmänner schleppen ihn an verborgene Orte, verbrennen ihn, verteilen ihn in der Luft, damit wir ihn nicht mehr sehen. Aber er löst sich nicht auf.

Wir würden ihn so gerne ignorieren, uns dafür mit kindlichen Namen anreden, uns gemütlich einrichten zwischen Herz und Seele, uns ein Grundstück leisten mit Blumenwiese, ein Haus mit Himmelbett, eine gated community.

Das wollte auch ich manchmal, ja. Dann kam eine Mülltonne in Sicht.

Häschen, hüpf!


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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