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einhorn insel der seligen

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Spurensuche auf zugigem Gelände. Ein lauschiges Plätzchen, vorübergehend im hellen Sonnenlicht. Hin und wieder rast ein schwerer Güterzug vorbei.

Man muss kein Archäologe sein, um diese Hinterlassenschaften für repräsentativ zu halten. Hier traf man sich. Jung und Alt. Hier fand Kommunikation statt, entstanden Gedanken, Pläne, Feindschaften.

Hier entfaltet sich eine leibhaftige Nische des Zeitgeists.

Raucher waren schon seit jeher produktive Geister. Der Qualm, der sie umgibt, steht für ihre ausgreifenden inneren Bilder, die sich verzweigen und verschlingen, bis sie sich in der Klarheit der Luft auflösen, in die Wirklichkeit eingehen. Raucher sind gesellige Wesen, daher diese Anhäufung von lippenfeindlichem Restmaterial. Raucher wollen der Welt etwas hinterlassen, sie sind stets unterwegs, und es gibt keine tragbaren Aschenbecher. Man könnte sich zwar Spiele vorstellen wie Wetten, du triffst nicht in den Gulli oder Wer die Kippe in den Abfallkorb zischen lässt, kriegt einen Klaren spendiert, aber die sind nicht im Schwange. So teilen sie der Welt einfach ihre Aufenthaltsorte mit, indem sie ihren Weg markieren.

Anders als Hunde.

Es sind noch einige andere interessante Fundstücke auszumachen: Blister, zerknüllte Plastikhüllen (von Kondomen? Nein), Plastiklöffelchen für Speiseeis, Verschlüsse von Flaschen garantiert alkoholfreier Getränke, Gummiringe, Kronkorken, Draht, nichts als Verhau, würde meine Oma sagen …

Mengenmäßig ist das alles zu unbedeutend, um Schlüsse daraus zu ziehen.

Der Raucheranteil der Funde dominiert eindeutig. Stummel liegt an Stummel. Gut vorstellbar sind die hundertfältigen Wurfbahnen, auf denen sie ihren Weg vom Zugriff der Finger, die plötzlich losließen, bis hinab zur Erde zurücklegten. Brennende Körper. Kometen. Meteore. Das rituelle Platttreten konnte hier angesichts des Brandgefahr kaum zulassenden Untergrundes entfallen.

Die Zahl der Raucher ist nach offiziellen Statistiken rückläufig. Umso wichtiger ist es für sie, die zu einer Minderheit geworden sind, ihre Existenz zu manifestieren. Reinigungspersonal müssen sie an derlei Orten kaum fürchten.

Meine Oma würde, wie gesagt, den Kopf schütteln. Saubären! – nein, das würde sie nicht sagen, eher: Bagage!

Genau wie ich hat sie noch nie einen Film gesehen, in dem gleichzeitig echte Mannsbilder und Aschenbecher vorkommen.

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© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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