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einhorn insel der seligen

Paradigmen


Gestade, Gezeiten: ein Kommen und Gehen, Steigen und Sinken.

Der Sand nimmt Treibgut auf. Das Treibgut gibt ihm ein Gesicht, eine Identität. Ein paar Stunden lang.

Die Flut verwirbelt den Sand, die Ebbe setzt ihn erneut zu Klumpen zusammen. Was das Wasser herantrug, lässt Spuren.

Unser Blick verwandelt sie in Zeichen.

Niemand kann sie lesen, geschweige denn verstehen. Jeder kann sich indessen wiederfinden in ihnen: in ihrer Flüchtigkeit, ihrer Vieldeutigkeit, ihrem Anderssein.

Unsere Schriften sind vielleicht so entstanden. Wir haben mit Linien und Kurven, Schlingen und Kreisen gespielt, sie mit Lauten verknüpft und die Lautgebilde sich mit Bedeutung füllen lassen.

Wir versuchen, uns an die Zeichen zu halten, treffen Verabredungen und Festlegungen. Wir wollen uns auf Strukturen verlassen.

Wir suchen Sicherheit. Wir verschanzen uns. Bauen Burgen aus Zeichen, Burgen aus Sand. Doch die Brandung wird sie erreichen, neues Treibgut ihre Erscheinung verändern.

Veränderung ist Durchdringung. Kleine Kräfte wirken, verteilt auf große Flächen und Körper. Ihre Identität wird in Frage gestellt. Sie setzen dem Wandel - vergeblich - die Kraft des Beharrens entgegen.

Die neue Struktur legt sich über die bestehende. Sie bekräftigt ihre Anwesenheit, pocht auf weiteres Fortschreiten. Doch die Durchdringung ist niemals vollkommen.

Massen werden verschoben, Oberflächen verändern sich. Doch nichts wird zum völligen Verschwinden gebracht, nichts wird gänzlich zerstört. Das Frühere hat jetzt ein anderes Erscheinungsbild.

Koexistenz? Symbiose? Oder trügerische Harmonie?


Wie könnten wir geblieben sein, was wir waren?