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einhorn insel der seligen

Rehe und Zucchini


Am Ende bleibt etwas übrig. Eine Hülle ohne Inhalt, eine Erinnerung ohne Substanz.

War es eine Flucht oder ein Eindringen in fremdes, gesperrtes Territorium? Tragödie oder Komödie? Die Acteurs sind verschwunden. Sie haben ihre Tarnung abgestreift an dieser Barriere und sich versteckt. Oder sie liegen verwesend zu Füßen der Hecke, erwischt, erschossen. Gras wächst drüber.

Versteigen wir uns nicht. Heckenschützen inmitten der Gemütlichkeit unserer deutschen Gärten?

War es nicht ein Lausbubenstreich? Alte Vorhänge, aus einem Stoffcontainer gezogen, werden in Abwesenheit des Besitzers überall aufgehängt: am Gartenzaun, an den Obstbäumen; die Haustür wird damit verhängt, die Terrassentür und der Porsche in der offenen Garage. Der hauptsächliche Kick dabei: das Klettern über den Zaun, die andauernde Wachsamkeit angesichts von am Grundstück vorbeigehenden Spaziergängern. Die Lausbuben lägen irgendwo versteckt oder lauerten hoch oben auf einem Baum des Nachbargrundstücks auf die Rückkehr des Besitzers. Sie hörten genüsslich, wie er schimpfte und tobte, der Verdacht würde sofort auf sie fallen, als notorische Unruhestifter, der Mann entdeckte sie, geriete außer sich vor Wut, beschuldigte sie lauthals, giftete und geiferte, hätte aber keinerlei Beweis. Denkbar wäre auch, eine mobile Formation aus drei oder mehr Jungs mit Trillerpfeifen, verteilt ums Haus, so dass man jederzeit dem polternden Hausherrn ausweichen oder sich rasch verstecken könnte.

Auf die Abnahme von Fingerabdrücken würde sich die Polizei niemals einlassen. Eine Bagatelle.

Zu harmlos für einen Dummejungenstreich? Immerhin ist nichts kaputt gemacht worden.

Unweigerlich drängt sich ein ganz anderer Gedanke auf: eine Kunstaktion. Gazevorhänge überall dort, wo die Lausbuben sie auch platziert hätten; aber zusätzlich auf dem Balkon, auf den höchsten Obstbäumen, wo der Wind sie bläht. Gespenstersegel. Fotos und Videos in der Dämmerung, die direkt auf eine Großleinwand übertragen und später im Lokalfernsehen gesendet werden. Eigens komponierte Musik. Eine Solotänzerin. Stehempfang im Garten für die lokalen Honoratioren, ausgewählte Künstlerkollegen und die Presse. Der Hausherr im Mittelpunkt. Er als Künstler am Puls der Zeit.

Ein Event.

Abend im Feengarten schriebe der Neue Tag. Reaktionäres Gesäusel, würde der örtliche Kunstverein twittern und die Aktion mit einem lustigen Streich zu einem Kindergeburtstag gleichsetzen.

Fragen wir den Besitzer dieses nur scheinbar naturbelassenen Areals.

Tatsächlich: er ist Künstler.

Eine Aktion wie die von uns imaginierte in seinem Garten würde er niemals dulden. Da teile er ausnahmsweise die Meinung dieser Kasperln vom Künstlerverein. In seinem Garten huldige er der Gärtnerei.

Es sei ein Versuch, beteuert er. Der Zaun sei leider zu niedrig. Ein schönes, aber leider gieriges Reh überwinde ihn problemlos und äse, nein: futtere Zucchini, Tomaten, Kräuter tutto completto. Als er die sich anbahnende Bescherung heute im schwachen Frühlicht entdeckt habe, habe er das Tier noch eben vertreiben können, bevor alles kahlgefressen gewesen sei. Also habe er im Haus sämtliche Stores heruntergerissen – sie seien ohnehin überflüssig, Vorhänge könne ja jeder Depp aufhängen, und wenn jemand unbedingt seinen vom Leben gezeichneten body sehen wolle – nur zu! (so wörtlich) – und auf dem Zaun verteilt. Er würde die folgende Nacht wach bleiben und die Wirkung begutachten. Hoffentlich sei das eine gute Idee. Gekostet habe sie nichts – sehr im Gegensatz zum Zaun.

Das also bleibt am Ende übrig: Tücher, ihrer eigentlichen Aufgabe entrissen, dienen als Zucchini-Guards und Vogelscheuchen. Niemand musste Hals über Kopf fliehen, die Diebe waren unschuldige Tiere.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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