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einhorn insel der seligen

Punktlandung


Der Wind stand günstig. Der Gleitschirm ging nieder.

Ein Stein hat ein steinernes Herz, das stumm bleibt.

Aber dieses fliegende Ding erspürt es womöglich unter der harten Kruste.

Der Stein hat ein breites Maul. Doch davor braucht niemand Angst zu haben. Sein Auge ist blind. Er kann nicht sprechen, doch er versteht. Er fühlt das winzige Gewicht auf dem Rücken und das Schlagen der Flügelchen, das zum Stillstand kommt.

Es herrscht Ebbe. Bald wird der Meeresspiegel wieder steigen.

Dem Stein würde das nichts ausmachen. Er kollerte ein wenig den Sandhang hinauf, ein wenig hinunter, schneller oder langsamer. Für den Gleitschirm würde sich das anders darstellen. Er ginge unter, löste sich auf im Salzwasser. Denn die Flügel wären feucht geworden vom Meerdunst und klebten an der Haut des Steins.er könnte nicht mehr abheben.

Es sei denn, dieses Ding wäre ein mit Wunderkraft begabtes Wesen.

Ich will, dass ein Wunder geschieht.

Das Schirmchen ist in Wirklichkeit, sagen wir, eine Fee. Eine Fee kann jegliche Gestalt annehmen, nicht wahr? Doch warum mag sie gerade hier gelandet sein?

Wir Menschen bilden uns oft zu viel ein. Ich sage: auch Steine haben Phantasie und Sinn für das Schöne. Durch Jahrtausende lange Roll- und Schleifarbeit hat sich der Stein seine ganz besondere Form erarbeitet, sie der Zeit abgetrotzt. Er verfügt über Auge Nase Mund. Die Fee schenkt ihm Wimpernschlag und die Spur einer Träne.

Jetzt kann er nicht nur Liebe empfinden, sondern auch die Empfindung zeigen.

Ein paar Stunden lang.

So lange dauern starke Empfindungen.

Danach wäre die Fee, die nur in meiner Einbildung existiert hat, ertrunken, vielleicht wäre sie eine Meerfrau geworden. Oder sie wäre Fee geblieben, hätte in dem Augenblick, als die Flut sie erfassen wollte, abgehoben und neue Ziele, andere einsame, liebesbedürftige Steine, angesteuert.

Wer weiß.

Ach was! Lassen wir das Gesäusel. Geben wir dem Zufall die Ehre und Herrn Isidore Ducasse das Wort:

Der Feen-Stein ist ebenso so schön wie die Begegnung eines Regenschirmes mit einer Nähmaschine auf dem Seziertisch.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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