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einhorn insel der seligen

Wegsperren


Immer trifft es die Plumpen, die, die zu lange zögern. Die Geschickten und Geschwinden sind längst entwischt. Es sind die, die, allzu auffällig um sich blickend, Schmiere stehen oder an einem Fahrzeug auf die Beute warten. Sie werden dort postiert, weil sie zu langsam sind, zu wenig im Handwerk versiert, ein Unsicherheitsfaktor. Sie sind es, auf die man bei der nächsten geplanten Aktion am ehesten wird verzichten können. Sie haben das größere Risiko zu tragen.

Nun sind sie weggesperrt.

Natürlich haben sie nichts getan: keine Tür aufgebrochen, kein Fenster eingeschlagen. Kein Diebesgut findet sich bei ihnen. Sie behaupten, nichts gewusst, nichts gehört oder gesehen zu haben. Kann einer denn was dafür, wenn er zufällig an einem Ort herumschlendert, wo gerade ein Verbrechen stattfindet? Seit wann ist Schlendern strafbar?

Viele verplappern sich dennoch.

Sie hocken am Gitter wie gestrauchelte Dickhäuter. Sind zur Besichtigung freigegeben. Stehen am Pranger.

Die etwas braveren Leute, die vorbei marschieren, versuchen sie zu reizen, damit sie weiter plappern, ihre Komplizen preisgeben. Oder wenigstens an den Gitterstäben rütteln und brüllen wie wilde Tiere. Des Spektakels wegen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Meist sind es Fremde, die niemand kennt.

Sie heucheln Gleichmut, verschanzen sich hinter dem Schein der Gleichgültigkeit, verziehen keine Miene. Sie spielen die ungerecht Behandelten, man soll sie als Opfer polizeilicher Willkür sehen. Sie wissen, dass ihnen das niemand glaubt. Aber es gibt keine andere Rolle für sie.

In Gefangenschaft werden viele dick. Noch dicker, als sie schon waren. Dass man sie auch noch füttert, erregt den Zorn vieler Passanten.

Selten treten sie in den Hungerstreik.

Selten sind sie tatsächlich unschuldig.

Das Terrain ist eng, gerade so, dass sie halb ausgestreckt auf dem Boden liegen könnten. Sie werden bespuckt, kleine Steine finden den Weg durch die Maschen des Gitters.

Es gibt einen Verschlag für schlechtes Wetter und für die Nacht. Ob aufgesperrt wird, entscheidet die Wache. Die Tür bleibt offen. Grelle Scheinwerfer sind installiert. Die Hunde blinzeln, wenn man sie nachts zum Pinkeln herführt.

Irgendwann kommen die Weggesperrten frei. Es konnte nichts Eindeutiges nachgewiesen werden.

Die Burschen warten schon auf sie.

Die Polizei wird nicht eingreifen.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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