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einhorn insel der seligen

Das rote Kleid


Guten Tag! Mein Papa ist eben Präsident geworden. Das heißt … nein, noch nicht, aber: demnächst. Ist sicher! … Na, Sie werden staunen!

Ja, und jetzt … hat der gedacht … ich meine, habe ich gedacht … Sehen Sie, dieses Kleid, das ich hier trage, zum ersten Mal, nicht richtig, eigentlich, sondern als, ja, Generalprobe, es muss mir ja dann passen wie angegossen. Mein Papa mag mich doch so, weil ich schön bin. Oh ja, er mag schöne Menschen, er hat nur schöne Leute in der Familie, er baut schöne Türme mit niedlichen Büros und donnernden Wasserfällen, 68 Stockwerke. Ein Journalist hat ihm mal widersprochen und gesagt, 58 sind’s, Sie können gern zählen, aber ehrlich zu Fuß gehen, nicht schwindeln mit dem Aufzug - und dann runterspringen, oder ich schmeiß Sie selber runter, haha, mein Papa hat Humor, sogar mit diesen Schmierfinken!

Ja, und mein Papa will eine schöne Feier, wenn seine Dings, seine Perio-, seine Episode beginnt, das verstehen Sie. Aber das kostet Geld! Und mein Papa zahlt keine … ich meine: zahlt seine Steuern und investiert auf Teufel komm raus in die Zukunft, unsre Zukunft, in die Zukunft unseres Vermögens, also, des Landes, damit es wieder groß ist (das Land, vor allem das Land) und alle in der Welt, auch im hintersten Hindu- , Hindi-, Verzeihung, also überall eben, die Ohren spitzen, wenn er auf den Tisch haut. - Und mein Papa verzichtet auf die Dings, die Pension … ich meine, auf das Präsidenten-Geld, das ihm zusteht, weil er doch jetzt für alle schuftet im Land, ja, wirklich, er verzichtet – außer aufs Kindergeld, das hat er sofort dazugesagt, ach das fand ich so rührend, ich hab ihm gleich einen Schmatz verpasst, blöderweise war gerade keine Kamera in der Nähe, aber ein Reporter im Nebenraum hat’s gehört, wie’s geschmatzt hat, haha, und ist hereingestürzt, aber mein Paps hat ihn rausgeworfen, eigenhändig. Er ist nämlich stark, und das in seinem Alter. Nun ja, so alt ist er auch wieder nicht, ähem, aber stark war er immer schon und soooo süß zu mir.

Ja, also das Kleid, meingott, was rede ich für Sachen, also, ich habe es angezogen, meine zwei, Dolo und Merche, ja, Mexikanerinnen, denen muss man nicht so viel zahlen, sagt der Papa, und kann sie jederzeit rauswerfen, aber die beiden sind ja so süüüüß, die zwei beiden haben mir ins Kleid geholfen, dann kam das Foto zustande, das Sie vor sich sehen, so werde ich also bei der Ingurgi–, Inaugi-, hops, Entschuldigung, also bei dieser Feier aussehen. Und ich hab mir gedacht, ich lass das Kleid danach versteigern, Grundsumme: ein Jahr Präsidenten-Geld. Man muss sich doch helfen in der Familie. Wenn man sich in der Familie hilft, redet niemand von der Mafia. Und dann lass ich noch ein paar Kopien anfertigen von dem Kleid, genauso hand-made, die können Sie kaufen, die müssen Sie nicht für weißgottwas ersteigern! Sie werden glänzend aussehen, Sie sehen es ja an mir, und in unserm Turm kriegen Sie Rabatt, versprochen! Dann haben Sie schon was, wenn Ihr Mann mal Präsident wird, in acht Jahren, glaube ich, wenn sich’s mein Papa nicht anders überlegt und die Konstip-, Konstruk-, also dieses olle Gesetz ändert oder abschafft.

Wenn Sie wüssten, was dem sonst alles noch einfällt! Manchmal ist er richtig kindisch, der Paps. Aber jetzt macht er Ernst, erstmal.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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