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einhorn insel der seligen

Kurvendiskussion


Über die Erdkrümmung wurde lange und erschöpfend diskutiert. Die Erde als narbengegerbte Scheibe mit ein paar Rissen und Buckeln war schließlich auf ein Abstellgleis abgeschoben worden. Dieses frühere Weltbild hatte jedoch durchaus spannende Momente.

Träge schwamm die alte Erde im Okeanos. Starke Strömungen hielten sie annähernd in der Mitte. Für ausreichende Belüftung sorgten die mehr oder weniger geheimen Zugänge zur Unterwelt, von dort her wehten eiskalte Hadeswinde und erschreckten die Menschen, die jedoch ungehindert ihr Unwesen forttreiben konnten.

Der Okeanos war die Unendlichkeit und das Jenseits. Niemals durften sich Schiffe zu weit von der Küste entfernen, sie liefen sonst Gefahr, sich in einem der Strudel zu verfangen, in denen die Wasser gurgelnd in unergründliche Tiefen stürzten und sie mitrissen. Die Unterwelt war so beschaffen, dass über die vier unterirdischen Flüsse und oberirdische Quellen, Bäche, Flüsse und Ströme die Bestände des Okeanos wieder aufgefüllt werden konnten. Über Schwerkraft musste man sich noch keine Gedanken machen.

Sicher, es gab auch noch die Wolken, aus denen Regen fallen konnte. Aber beides gehörte wie Nebel, Blitz und Donner zur Sphäre des Himmels, und den Mächten des Himmels konnte man nicht über den Weg trauen. Man zerbrach sich besser nicht den Kopf darüber.

Würden wir auf einer Kugel leben, behaupteten manche, so würden in entfernten Gegenden die Leute Kopf stehen oder herunterfallen. Und wohin würden sie dann fallen? Au weia!

Sie könnten nicht fallen, sagte der große Aristoteles, denn alles Schwere ziehe es zur Mitte, und was wäre die Mitte, wenn nicht - die Erde? Die Idee des Auf-dem-Kopf-Stehens hatte er damit aber nicht aus der Welt geschafft.

In der Bibel stand nichts von Kopfständen, aber sie redeten in diesem Buch über die Welt und verwendeten ein Wort, das manchmal Kreis und manchmal Kugel bedeuten konnte, und die Schlauen stritten ergebnislos mit den Oberschlauen, was das Wort denn nun wirklich bedeute. Was logisch war, denn Adam und Eva durften ja an den Baum der Erkenntnis nicht ran. Sollten sie und ihre Nachkommen doch grübeln von Ewigkeit zu Ewigkeit! Manche Bibelforscher liegen sich deswegen noch heute in den Haaren .

Eine Kugel schaut von allen Seiten wie ein Kreis aus, ist aber keiner. So betrügt uns die Natur. Immer wieder.

Wie mochte es mit Tag und Nacht gehen auf einer flachen Erde? War es möglich, dass die Hälfte Nacht hatte und die andere Tag, abwechselnd? Irgendwas am Himmel, vielleicht ein Tuch, musste das Licht der Sonne teilweise abhalten. War problematisch, sich dessen Aufhängung vorzustellen.

Wer auf einer Scheibe lebt, kann nicht hoch hinaus, höchstens auf Berge, aber da sitzen womöglich die Götter, und er muss flugs wieder runter. Geht ihm sonst wie dem Prometheus oder dem Sisyphos, diesen Götterlästerern.

Eine Kugel bietet da mehr Möglichkeiten. Man läuft bis zum Horizont und noch ein bisschen weiter, dann ist man weg. Das ist schon mal ein Vorteil. Wenn du schnell genug läufst, sieht dich bald keiner mehr, selbst wenn er auf einem hohen Berg säße und ein Gott wäre.

In Wahrheit wäre die Erde keine echte Kugel, sondern durch die Kräfte ihrer eigenen Rotation abgeplattet an den Polen, heißt es. Ist nicht schlimm. Manche Himmelskörper sind da viel weiter gegangen und nähern sich der Form einer Kartoffel.

Für die alten Astronomen war es schlimm. Sie träumten von einer geometrisch perfekten Welt mit korrekten Körpern, die Erde wie alle Himmelskörper als Kugel, was sonst? Wenn schon im alltäglichen Leben so viel auseinander fiel oder zusammenkrachte, sollte wenigstens in der Wissenschaft eine strenge Ordnung herrschen, aber nein …

Hätten sie für ihre Erde auch die Eiform akzeptiert oder eine Spiralform wie bei Schneckenhäusern? Hauptsache: Krümmung. Jeder Blick in die Weite hat sie am Horizont vor Augen. Die Spirale könnte als Abbild der Bewegung im Weltraum durchgehen, das Ei als die Urform des Lebens.

Die Dinge tun nichts anderes als die Himmelskörper oder die Platten der Erdkruste (oder wir Menschen): sie neigen sich einander zu oder kippen voneinander weg.

Wir nehmen es nur nicht wahr. Oder wollen es nicht glauben.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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