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einhorn insel der seligen

Zwei Tiere


Zwei Tiere, die sich anstarren. Sie hocken rittlings auf eben gefällten mächtigen Stämmen. Sie haben sich zu einer Drohgebärde aufgebaut. Die Brust ist vorgewölbt wie ein mächtiger Schild. Die Hinterteile vergraben sie in Höhlen wie Einsiedlerkrebse. Weit sind die Mäuler geöffnet, sie feinden sich an. Zischen.

Nein, ich höre sie nicht.

Ich stehe unbeweglich vor dieser Tür, diesen Stufen, vor diesen Haufen grober Steine. Man könnte denken, Kinder hätten sie aufgeschichtet, um ein Meerschweinchen zu begraben oder eine Puppe, die sie geärgert hat und die sie zerfetzt haben. Spiel oder Ernst. Aber es sind keine Kinder da.


Steinhügel sind Gräber. Oder man schichtet Steine auf zu einer Steinigung. Wer vorbeigeht, sieht das Zeichen, hütet sich. Die zur Steinigung verwendeten Steine werden aufgesammelt und zu einem Hügel über dem Toten aufgeschichtet.

Wer kein Fremder ist, versteht sofort, schweigt. Ein Fremder weiß: er könnte gemeint sein. Ein Sündenbock, ein Lückenbüßer, so einer ist stets willkommen.

Die Verwandlungen der Natur würden den Haufen anderswo rasch in Unkraut versinken lassen.

Auf den Stufen zu einem Tempel ist mancher Heilige gesteinigt worden. Die Tür war verschlossen, kein Ausweg mehr. In der Luft das Johlen der Zielenden, das Brüllen der Schleudernden, das Triumphgeschrei am Ende einer langsamen Agonie.

Von hinter dieser Tür kein Laut.

Die Tür blieb versperrt, der Ort war entweiht, unberührbar wie die Überreste des Frevlers.

Tempel sind geräumig, haben viele Türen. Stets muss der Betrieb weiter gehen.

Zwei sind gesteinigt worden, Freunde, ein Paar. Man ließ sie nebeneinander liegen. Mögen sie sich in der anderen Welt aneinander schmiegen und sich ihre ketzerischen Worte ins Ohr flüstern, der Höllenstrafe entkommen sie nicht, sagte man sich, als der letzte Stein aufgeschichtet lag, und ging zu Tische.


Zwischen den aufgerissenen Mäulern der Tiere zeichnet sich jetzt das heilige Zeichen ab.

Die Tiere haben das heilige Zeichen nicht verschlungen. Ihre aufgesperrten Kiefer sind in Starre verfallen. Ihr Auge, Ohr, Nabel und andere Körperöffnungen sind wie Sterne an einem Himmel, der das heilige Zeichen umgibt. Das gedoppelte Rad der Zeit dreht sich unter ihnen fort.

Und das heilige Zeichen tritt ins Relief, scheint zu lachen über so viel an wirren Phantasien.


Wie die Bauarbeiter lachten, würde ich nur ein Sterbenswörtchen davon verraten.



© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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