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einhorn insel der seligen

Ein Tier


Aus dem Festen, aus dem Massigen heraus steigt das Flüchtige, formiert sich zögernd zu einem Bild, zu einer Bedeutung. Dabei wünschen wir uns intensiv eine Verwandtschaft mit etwas Lebendigem, mit etwas, das sich bewegt, einem Tier, irgendeinem, ob es auf dem Meeresgrund lebe oder in Höhlen, ob jetzt oder in einer fernen Vergangenheit. Das Unbewegte eines Steins erinnert uns an den Tod, dem wir uns stetig nähern, ohne es zu wollen. Dass es zum Tod hin notwendigerweise auch eine Bewegung gibt, ignorieren wir ebenso wie die Bewegungen der Pflanze im Wachstum hin zu Sonnenlicht und Regen. Ein Tier soll es also mindestens sein, was wir wahrnehmen oder wahrzunehmen glauben.

Ein Tier wie wir.

Ein Tier. Schläft es? Liegt es auf der Lauer? Anders gesagt: ist es gut oder böse? Wird es sich schmiegen in unseren Schoß oder wird es uns anspringen, um uns zu zerfleischen?

Wir haben die Antwort in der Hand. Wir haben das Tier schließlich erfunden. Nach unserem Bild und Gleichnis.

Es scheint Opfer eines Angriffs gewesen zu seine, Schmerzen empfunden zu haben? Das wäre uns willkommen. Wir freuen uns über Leidensgenossen. Das ist keine Schadenfreude. Wir wollen nur nicht allein sein.

Etwas an dem Tier ist zerstreut, zerrissen, war aber vielleicht einmal ganz? Auch wir tragen viele Scherben und Trümmer mit uns herum. Es ist gut, in der Demütigung dieser Natur unsere eigene zu spiegeln.

Wir werden ruhiger. Das Bild verfestigt sich. Das fremde Wesen wird sich behaupten, hat sich schon behauptet. Hätte es etwas von Pferd oder Esel, Kamel oder Elefant, wir könnten aufsitzen in Gedanken und uns davontragen lassen. Und wäre es ein Delfin, wir ritten übers Meer.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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