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einhorn insel der seligen

Anrufung


Hör mich!

Ja, ich kann noch rufen! Ich bin nicht tot, nicht völlig tot. Die Risse im Pflaster stammen nicht von meinen Wurzeln. Man hält mich trotzdem gefangen. Sie haben mich ausgerissen und hierher geschleift, mich künstlich an diesen Grund geheftet, der nicht meiner ist, ich bin ein Mal, das man gesetzt hat wider die Natur, umrahmt von einem lächerlichen Dreieck, das niemals ein magisches sein wird.

Ich breite die Arme aus, ich versinke in der allzu menschlichen Geste, doch ich bin und bleibe ein Baum, bis sie meiner müde sind, mich noch einmal herausreißen und zersägen. Die Arme sind meine Äste, die einzigen, die sie mir ließen, alle anderen Verzweigungen haben sie beseitigt.

Ich muss ihnen dienen.

Sie haben getan, was alle Völker taten und tun, sie sind hier eingefallen, um sich das Land anzueignen und es an Stelle der Ansässigen auszubeuten. Sie haben sie alle erschlagen, verbrannt oder ins Meer geworfen. Nun gedenken sie der Ausgerotteten mit allerlei Humbug und Firlefanz. Leute sollen kommen übers Meer und die Vergangenheit angaffen. Von derlei Zynismus bin ich ein Teil.

Den neuen Herren folgten damals in teures Tuch gewandete Priester, die längst Verschwundenen vertrauten nackten Schamanen. Der unsichtbare Gott war der gleiche geblieben.

Ich stehe hier in eingefrorener Tanzbewegung und werfe die Arme gen Himmel, wo alle Völker diesen unsichtbaren Gott vermutet haben. Ich krümme mich weit nach rückwärts um die erhofften Gaben des Himmels zu empfangen wie einen erfrischenden Regenguss.

Sie wissen nicht, wie Schamanen tanzten. Sicherlich waren sie nicht nackt. Sie behaupten es nur. Diese Behauptung bin ich. Aus mir soll ein Schamane geworden sein.

(Sie haben sogar die Sonne eingespannt und lassen meinen Schatten wandern über ihre toten Steine)

Ich bin wirklich nackt. Was mich schützte wie ein Kleid, das Blattwerk, haben sie mir genommen und mich zum langsamen Tod verurteilt.

Das habe ich mit den Schamanen gemeinsam: ich bettle um Regen. Nach Feuchtem ächzt meine Rinde und inwendig verhärten sich meine Gefäße. Meine Wurzeln, die sich in Humus bohren sollten, haben sie abgehackt.

Du, Wolke, ich weiß, du wirst kein Tröpfchen übrig haben für mich. Aber es gibt so viele andere deinesgleichen, die sich gerne an unsere Erde verschenken, wenn der Wind sie treibt. Sie werden kommen und ich werde bereit sein.

Solange ich rufe, bin ich lebendig.

Still. Gaffer kommen.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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