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einhorn insel der seligen

Der Stein


Als sie unvermittelt vor ihm standen, waren sie wie erstarrt. Es verwirrte sie, dass er anders war als alle Steine, die sie kannten. Die äußere Hülle (ja, es sah so aus, als hätte er eine äußere Hülle, eine Haut) war aufgerissen, sie sahen Rippen, die anscheinend diesen Körper zusammenhielten, ähnlich einem Knochengerüst. Doch vor allem blickten sie fasziniert auf die gemalten Zeichen: Linien in Rot. Eine in dunklerem Ton, wie der Grundriss einer Hütte mit drei Eingängen, von denen zwei in schmalen Gängen blind endeten, während der dritte in einen großen, leeren Raum führte. Dazu, in hellerer Farbe zwei Formen, deren Bedeutung sie nicht verstanden. Es mochten Stammeszeichen sein.

In jedem Fall war der Stein ein Eindringling. Er gehörte nicht hierher. Seine Kanten waren so unglaublich gerade wie die dunkelroten Linien. Niemals hätte sie einen Stein in eine solche Form bringen oder solche Linien auf Steine oder Körper malen können.

Der Stein war schwer. Sie wollten ihn ins Dorf tragen, doch einige protestierten heftig und weigerten sich, ihn anzufassen.

Der Stein müsse direkt vom Himmel gefallen sein, sagten sie. Wahrscheinlich habe er sich bei der Landung verletzt. Da der Himmel so unendlich weit entfernt war, wunderten sie sich über die Geringfügigkeit der Verletzung.

Bei anderen überwog die Angst. Es sei eine Falle. Ein Versteck böser Geister. Sie müssten auf jeden Fall warten, bis der Schamane von seiner Meditation im Busch zurückkam.

Man durfte ihn nicht stören, schon gar nicht nötigen, den Heiligen Ort zu verlassen.


Sie grübelten. Waren sie nicht schon früher hier, an dieser Stelle, gewesen, mehrmals sogar? Sie waren gar nicht weit vom Dorf entfernt. Aber es gab viele kleine Schluchten und Kare hier.

Warum waren sie eigentlich hier? Es gab nichts, was sie hätten jagen können. Nur niedriges Gestrüpp.

Einige konnten ihre Neugier nicht bezwingen. Sie berührten vorsichtig den Stein. Als nichts geschah, strichen sie mit den Fingern über ihn, klopften auf ihn mit der flachen Hand, dann mit der Faust, zuletzt griffen sie zur Axt und führten ein paar leichte Hiebe auf die frei liegenden Rippen.

Sofort wurde ihnen das Werkzeug aus der Hand gerissen, üble Beschimpfungen trafen sie. Solange man nicht wisse, was es mit diesem Ding auf sich habe, müsse man allergrößte Vorsicht walten lassen.


Da sagte einer: es habe nicht viel gefehlt, und sie wären aufeinander losgegangen. Es sei wohl wirklich so: ein böser Dämon habe sie dieses Ding finden lassen, damit der Stamm entzweit werde und der Feind sie besiegen könne!

Das wirkte.

Vorerst.


Das Ding war zu seltsam. Die Mutmaßungen gingen weiter. Wenn man eine Schnur spannte, war sie gerade. Würde man sie über eine ebene Fläche spannen und mit einem Finger, den man in Farbe getaucht hatte, daran entlang gleiten, ergäbe sich eine gerade Linie. Aber nur auf einer Seite. Sie schmäler als einen Fingerbreit ziehen: unmöglich! Und weder ihre Körper noch Steine boten eine derart ebene Fläche. Ihre Werkzeuge hätten sie nicht herstellen können.

Dazu diese – nun ja – Rippen! Sie bestanden aus einem Material, das härter schien als ihre Knochen, obwohl doch die Knochen am längsten der Verwesung trotzten und noch lange nach dem Tod an den Verstorbenen erinnerten (sie sammelten sie in einer Höhle).

Beim Menschen hüteten die Rippen den Raum, in dem die Seele wohnte. Traf man dort den Feind, drangen Pfeil oder Speer dort ein, so war es fast sicher, dass seine Seele ins Geisterreich floh.

Die Geister fürchtete man, auch die von Feinden, die man eigentlich besiegt und getötet hatte. Über ihr Reich wusste man wenig, nur so viel, dass die Seelen der Gestorbenen als Geister weiterlebten. Auch wenn sie erschlagen worden waren.

Geister durfte man nicht reizen. Gegen sie halfen keine Waffen. Allenfalls Zauber.

Der Schamane war nicht zurückgekommen.

Lag es an den magischen Kräften des Steins, dass er nicht zurückkam?

Dann mussten sie gefrevelt haben. Hatten sie gefrevelt?


Ratlos starrten sie auf das rote Muster. Schnurgerade Linien. Drei Eingänge, kein Ausgang. Zwei Gebilde, die wie Trophäen auf langen Stangen steckten wie abgeschlagene Köpfe, aber keine Köpfe darstellten. Das eine erinnerte entfernt an einen Menschen im Lauf, das andere an ein Beil.

Sie wandten sich ab und blickten auf die Felsen, auf die Schlucht, auf das, was sie kannten: spärliches Gras, verkrüppelte Büsche. Kein Grübeln brachte sie weiter.

Einer hielt es nicht mehr aus. Er rief, es müsse eine feindselige Kreatur sein, dieses Ding, sie sollten nicht feige sein, sondern es bekämpfen, auch ohne den Schamanen, der in dieser schweren Stunde seinen Stamm schnöde verlassen habe.

Tatsächlich griffen jetzt einige erneut zu ihren Äxten und schlugen besinnungslos zu. Auf die Rippen, wo die Seele des Feindes wohnen musste. Ein paar Steinsplitter flogen, die Rippen hielten Stand und gaben einen seltsamen Ton von sich, der die Gruppe der Tapferen innehalten ließ.

Die Grübler, die ihnen den Rücken gekehrt hatten, waren aufgesprungen. Der Streit flammte wieder auf, heftiger als zuvor. Beinahe wäre es zu Handgreiflichkeiten gekommen. Rede und Gegenrede fanden kein Ende., erhitzten sich immer mehr.


Bis sie vom Dorf her Schreie hörten und lautes Gebrüll.

Der Schamane lag tot, die Brust von Axtschlägen zertrümmert. Die Feinde hatten ihm feige aufgelauert, während er in Trance gefallen war. In einem unbewachten Augenblick hatten sie den Leichnam am Rand des Dorfes auf eine Trittspur geworfen. Eben war er entdeckt worden.


Um an seiner Zukunft zu verzweifeln, brauchte ihn der Stamm nicht mehr.



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