Aktueller Eintrag
Frühere Einträge
Archiv
Schlagwörter

einhorn insel der seligen

Mitgefangen mitgehangen


Verschiedenes ist unklar.

Offenbar erfolgte die Aufknüpfung an einem einsam in einem Schuppen zurückgelassenen Altgerät, das bereits lange Zeit nicht mehr in Betrieb war und Rost angesetzt hat.

Vertäuung und Verknotung der beiden Delinquenten wurden mit großer Sorgfalt durchgeführt, so dass man eher versucht ist, von einer Zurschaustellung, einer Art von Pranger auszugehen.

Die – man möchte sagen – Pedanterie der Schlingung der zu einem Strang gerollten weißen Plastikfolie konnte zu Einschnürung mit inneren Verletzungen führen. Vermutlich zielte sie auf die Fortpflanzungsfähigkeit der Zapfen.

Da Zapfen über keinen Blutkreislauf verfügen, muss die deutliche (wenn auch schwache) Blutspur an der Plane, etwa in Höhe der Zapfenköpfe, auf eine Verletzung des – nennen wir ihn so – Henkers zurückgehen. Vermutlich riss er (sie) sich an dem metallenen Altgerät Hand oder Finger auf. Eine kleine, scheinbar unbedeutende, vielleicht gar nicht beachtete Verletzung. In solchen Situationen kommt es nicht selten zu Blutvergiftung, schlimmstenfalls mit Todesfolge.

Verfolgen wir diesen Gedanken nicht weiter. Suchen wir stattdessen nach Hintergründen.

Nach unvoreingenommener Betrachtung wäre man wohl bereit, von einer Unschuldsvermutung bezüglich der beiden Zapfen auszugehen – was zugleich Justizirrtum bzw. Willkür – letztlich (versuchten) Doppelmord – bedeuten würde. Ein vom Baum fallender Zapfen kann nur geringen Schaden anrichten. Am menschlichen Körper bringt er es nicht einmal zu einem blauen Fleck, allerdings kann ein momentanes Erschrecken der unterhalb der abzapfenden Konifere wandelnden Person eine unkontrollierte Handlung auslösen. Was einem Zapfen weiterhin vorgeworfen werden könnte, ist die Tatsache, dass er per se dazu beiträgt, einen neuen Baum, auf lange Sicht neue Bäume, ja Wälder entstehen zu lassen. Dies gefällt nicht jedem, dem ohnehin schon hohe Bäume die Sicht auf die Welt versperren.

Die Hinrichtung könnte also ein Racheakt sein, eine Warnung für alle sich zum Fallen rüstenden Zapfen. Principiis obsta!

Gleichzeitig nutzte der Henker (die nicht existierende weibliche Form des Wortes sei mitgedacht) die Tatsache, dass es geraume Zeit dauert, bis ein Zapfen sich auflöst und zerfällt, um einer solchen Warnung eine gewisse Dauer und damit Nachdruck zu verleihen. Der Praktik ist starker Sadismus nicht abzusprechen.

(Abzusehen ist dabei von streunenden Eichkatzen)

Erwähnen wir noch, dass die Meldung des Vorfalls bei der zuständigen Polizeistation auf Desinteresse stieß, ja, dass die meldende mildherzige Dame verspottet wurde. Als die Dame insistierte, eskalierte das Wortgefecht. Sie wandte sich daraufhin wutentbrannt an die Presse, von der sie aber in anderer Weise frustriert wurde, da der für die Kultur im Städtchen zuständige Dr. Hainficht einen von kunsthistorischer Gelehrsamkeit überquellenden Artikel schrieb, in dem vom Altmeister Joseph Beuys und der Happening-Kultur der 1960er Jahre die Rede war. Die Dame erwähnte er mit keinem Wort. Immerhin konnten die Leser sich von der Bescherung durch ein fast halbseitiges Foto selbst überzeugen – was die Dame in gewisser Weise tröstete.

Dieses Foto zeigt auch etwas, was die Dame nicht erwähnte, sie hatte es wohl nicht gesehen oder nicht sehen können.

Die sich durch Rost besonders profilierende Hebelstange des Altgeräts weist am Griff seitlich eine große Öffnung auf. Zu dieser Öffnung hin scheint ein käferähnliches Wesen zu streben, vielleicht um dort hineinzuschlüpfen, vielleicht um nicht entdeckt zu werden, um Zuflucht zu finden vor Verfolgung.

Für die Hinrichtung der Zapfen werden wir es kaum verantwortlich machen können. Es zeigt ja nicht einmal Gliedmaßen, und selbst wenn diese verdeckt wären von seinem ovalen Rückenpanzer, hätte es nicht einmal die Kraft zum sachgemäßen Verzurren der Folie haben können.

Das Tier kommt mithin als Henkershelfer nicht in Betracht. Es kroch wohl einfach vorbei, stumpfsinnig auf sich selbst bezogen, ohne die Tragödie der beiden Zapfen zu beachten.

Oh!

Was für ein dickes, dickes Brett vor unserm Kopf! Selbstverständlich haben wir vor uns - ein Loch. Das Auge des Altgeräts. Kaum wagen wir von einer optischen Täuschung zu sprechen, die Tiefen- und Höhendimension gegeneinander ausspielt und uns verwirrt hat.

Wir bitten um Entschuldigung.

Bliebe eine letzte, peinliche Frage.

Warum hat die Dame, die den Skandal entdeckte, nicht sofort, nicht selbst den Strang durchtrennt und die Zapfen, die mit Sicherheit noch am Leben waren (sie sollten nach langem Leiden in den Tod gehen) aus den Verstrickungen gelöst? Hatte sie ihren Dolch, ihre Nagelschere nicht bei sich? Fürchtete sie das Eingreifen des noch nahe am Tatort befindlichen Täters? War auch ihr Blick sadistisch und packte sie später die Reue?

Die Personalien der Dame waren unter den gegebenen Umständen nicht aufgenommen worden.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

WEBDESIGN |  SEPP FISCHER