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einhorn insel der seligen

Und drin bist du


Im Dämmer des Raums hockt einer, der hat mit all dem gearbeitet. Er sollte kopieren und Ordnung schaffen. Aktenordner und Lose-Blatt-Kisten und –Kartons, die wie nach Zufallsprinzip bei ihm eintrafen, sollten nicht entsorgt oder verbrannt, sondern in ein Archiv überführt werden.

Was in den Akten stand, hatte somit eigentlich keine Bedeutung mehr. Längst hatten digitale Speicher alles aufgesogen, was einmal auf dem Papier stand, er hatte dieses und jenes abgetippt. Anderes hatten andere in Dateien überführt, die er schon im Computer fand.

(Wahrscheinlich gab es viele abseitige Diensträume wie den seinen)

Aber Papier ist geduldig. Das Papier war noch da, was eingetippt worden war, konnte noch immer gelesen werden.

Bei totalem Stromausfall, SuperGAU oder Terrordingsbums oder so, hatten die Herren Vorstände betont, kämen sie vielleicht drauf zurück. Müssten. Und er müsse wissen, wo sich was finden ließe. Und zwar rasch.

Damit gab er sich zufrieden. Es war ja immerhin nicht gerade schlecht bezahlt, dachte er.

Er dachte auch: Ich hocke hier seit ungefähr zwanzig Jahren. Nach ein paar Jahren hätte kein einziger Ordner, kein einziger Karton mit losen Blättern mehr Platz gefunden und es kam auch nichts mehr nach. Wen sollte das denn noch interessieren – noch dazu in einem Notfall, wo ohnehin alles drunter und drüber gehen würde?

Er wusste darauf keine Antwort. Aber eine Antwort hätte ihn zu einem System gezwungen, wie er die Zeit künftig totschlagen sollte. Oder musste.

(Vorgesetzte fragt man nicht unnötig)

Er archivierte also; da es keine Vorschriften gab, nach Gutdünken.

Marder und Mäuse blicken manchmal zerstreut neugierig auf die trüben Scheiben, die immer seltener nachts erleuchtet sind.

Was er tut (und getan hat, seit geraumer Zeit): mit Bleistift (seltsamerweise gibt es noch immer Bleistifte) fügt er einzelnen Blättern aus den Akten kleine Randnotizen bei. Sie beziehen sich im Falle eines gutwilligen Lesers auf den Inhalt des Texts, sind aber in einer anderen Sprache abgefasst. Sich Fremdsprachen selbst beizubringen, dafür hatte und hat er Zeit im Überfluss. Rudimentäre Kenntnisse genügen ihm.

Sobald er ein Blatt mit einem Kommentar versehen hat, wechselt er den Ordner, den er aus einer entfernten Ecke des Raumes holt. Oder er bringt den gerade bearbeiteten Ordner anderswo unter. Und er wechselt die Sprache.

Oft macht er sich die Aufgabe leicht und übernimmt Sätze mehr oder weniger direkt aus den Sprachlehrbüchern, die passen ja fast überallhin. Jetzt wundert ihn das nicht mehr.

Als er nach vielen Jahren auf eine Akte stößt, die ihn selber zum Gegenstand hat, seinen Dienst, die Fehlzeiten, seine Ausbildung, seine früheren Arbeitsplätze, seine Freizeitbeschäftigungen, seine Liebschaften, seinen Alkoholkonsum, verliert er die Lust an seiner bisherigen Tätigkeit.

(Das Wort Lust, tatsächlich, spukt in seinem Hirn)

Er schreibt diesen Ordner komplett neu, Blatt für Blatt tauscht er aus. Er hält nicht das fest, was wirklich gewesen ist, er erfindet eine andere, phantasievollere Version seines Lebens.

(Wie er gealtertes, geknicktes, eingerissenes Papier simulieren hätte können, dazu hat er keinen Einfall – er ignoriert es einfach)

So verfährt er auch mit anderen Ordnern, die er wieder in rein zufälliger Folge auswählt.

Bei den wissenschaftlichen und den medizinischen Berichten ändert er oft nur bestimmte Wörter, weil er merkt, dass durch ein einziges Wort oder einen halben Satz ein ganzer Textabschnitt aus den Fugen geraten kann.

Aber er freut sich über jeden Akt zu einer Person. Er kann ihr eine neue Identität geben. Daraus entsteht kein Roman, nur ein paar biografische Tupfer setzt er, einen Umriss, wie bei einem Scherenschnitt. Weil er auch die Namen ändert, kann der neue Charakter beliebig ausfallen.

Von diesen Personen kennt er jedoch keine. Sollte es sich um Decknamen handeln, hätte er selbst als (vielleicht) einziger keinen Decknamen bekommen. Nach dieser Überlegung erschafft er nur mehr Biedermänner.

(Auf Frauen ist er tatsächlich noch nicht gestoßen, das wird ihm plötzlich bewusst)

Als unerwartet ein Kontrolleur auftaucht, erläutert er ihm, seltsam gefasst, das System, nach dem er Ordner und Kartons neu arrangiert hat. Er erfindet es, während er redet. Der Kontrolleur zeigt sich verwirrt, ist dann über seine Verwirrung bestürzt, nickt jedoch freundlich-kollegial, drückt sich um Stichproben und verlangt stattdessen eine schriftliche Systematik.

Die Frist, die dafür eingeräumt wird, ist knapp bemessen.

Er beschließt zu türmen. Er rechnet sich einen gewissen Vorsprung aus, dadurch dass seine Akte a) im systemlosen Dokumenten-Chaos gefunden werden muss und b) nur Dinge drinstehen, die nicht stimmen.

Seine immerwährende Freundin (im Grunde ist er ein anständiger Kerl) ist bereit, ihn zu verstecken. Nach einer Zeit ist seine Neugier stärker als seine Angst. Er schleicht nachts zu seinem Dienstgebäude, klettert auf ein Dach, verscheucht Mäuse und Marder und späht durch die verdreckten Scheiben. Das Mondlicht ist schwach, aber er hat etliche Akten und Kartons im Blick, die er noch nicht bearbeitet hat. Die sozusagen gefährlicheren.

Nachdem er mehrmals diesen Ausfall gewagt hat, ist er sicher, dass niemand sich für diese Dokumente interessiert. Denn nichts ist ausgetauscht oder auch nur verschoben worden.

Wahrscheinlich ist der Kontrolleur gestorben. Herzinfarkt vielleicht. Im Gesicht war er grau gewesen vor Schreck über die Unordnung. Beamte können da sehr empfindlich sein. Er hat versäumt, systematisch die Todesanzeigen zu lesen. Soll er zurückgehen (den Schlüssel hat er noch) auf die Gefahr hin, dass der Kontrolleur noch lebt?

Schwachsinn, sagt die Freundin. Du bist Beamter und kein Held. Kontrolleure gibt es wie Sand am Meer. Wenn in zwanzig Jahren nur einer gekommen ist, dann können ebenso gut in einem Jahr zwanzig kommen. Der Staat muss listig sein, weil es viele Leute wie dich gibt, die nichts wollen als spielen.

Außerdem habe ich Rechte auf dich. Ich habe dich schließlich gerettet.

In der Nacht verschafft sich der Mann den Schlüssel, den die Freundin versteckt hatte und stiehlt sich zurück an seine alte Wirkungsstätte. Die Welt, die er erschaffen hat, ist noch nicht fertig. Es fehlen vor allem Frauen. Andere.

Den Kontrolleur, der am Morgen sein Reich betritt, kennt er nicht.