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einhorn insel der seligen

Letzte Fahrt


Vornüber gekippt. Auf der Stelle tot. Nun Kadaver. Rost und Spinnweben.

War zeit seines Lebens ein lustiger, zugleich ein komischer Vogel. Kunstradrobs gibt’s nicht wie Sand am Meer. Das Rad war gedoppelt, das stärkte die Bodenhaftung, aber in Anbetracht des Gewichts, alle Achtung vor dem Kerlchen!

Konnte sich drehen wie ein Kreisel. Sah nicht aus wie eine richtige Pirouette, weil die massigen Räder natürlich breit aufsetzten. Schlenkerte mehr um die eigene Achse. Immer mit einer Spur Unwucht. Da gab‘s oft hässliche Geräusche, dazu Kratzer im Untergrund.

(Öl ist nie ausgetreten)

Spektakulär im - sagen wir: - im Bodenturnen war das Kerlchen durchaus, nicht gerade elegant, aber vielseitig und durchaus artistisch. Drollig und grotesk.

Allen blieb schleierhaft, wie der Rob die Balance halten konnte. Es ging ja so weit, dass er kleine Kinder dazu ermutigte, sich auf das Kurbelrad zu setzen. Das war weder Kurbel noch Rad, weil unbeweglich. Aber Kinder trauen sich was, ist ja bekannt. Hockten oben und brüllten vor Vergnügen, waren oft kurz vor dem Umkippen, aber er steuerte unten dagegen, sie konnten sich halten. Das gab ihnen den Kick. Er spürte auch, wenn sie wieder herunter wollten von ihm, dann neigte er sich langsam, wie fürsorglich, damit sie nicht purzelten.

War so als Unterhalter ziemlich einmalig, nicht bloß für die Kleinen. Hätte glatt in Tourismus münden können, das Ganze. Der Erfinder hat’s nicht gewollt.

Der hielt sich überhaupt bedeckt. Fast unheimlich, der Typ. Zeigte sich praktisch nie in der Öffentlichkeit. Schon gar nicht zusammen mit seinem Kerlchen. Besaß einen Schuppen, einbruchssicher, verrammelt, sagte der Polizist, in dem wahrscheinlich weitere Erfindungen darauf warteten, dass er sie würde auftreten lassen. Niemand bekam sie zu sehen. Schon ein seltener Kauz. Keiner wusste, wovon der sich über Wasser hielt, verlangte ja keine Gebühren für die Kunststückchen seines Radlrobs, nichts.

So als ob der losgezogen wäre auf eigene Faust.

Hätte der Herz und Hirn gehabt, wäre er nicht zu beneiden gewesen. Sah zwar lustig aus, verbreitete unwiderstehliche Heiterkeit, turnte und tourte unermüdlich, war aber Maloche. Konnte dabei natürlich nicht sprechen, nichts verstehen. Schien trotzdem auf sein Publikum einzugehen.

Sofort nach Ende der Darbietung zog er Leine, rollte zurück zu dem Häuschen neben besagtem Schuppen,dem des Erfinders .

Ein braves Hündchen. Ferngesteuert, ja. Aber wie genau?

Mit dem Erfinder sind nur wenige von uns ins Reden gekommen. Kurz. Sie erzählten, dass er, wenn man von seiner Erfindung sprach, immer sagte: mein Klabautermann. Kam wohl von der Küste.

Jetzt ist der Klabautermann tot. Wenigstens modert er nicht. Spinnen arbeiten leise, Rost macht keinen Krach. Wir sind nicht abergläubisch, aber wir rühren ihn nicht an. Er hat die Totenruhe verdient, irgendwie, sagen wir uns. Kinder sind nicht lange traurig.

Der Erfinder ist verschwunden.

Später haben eine paar freche Jungs das Schloss vom Schuppen aufgesprengt. Er war leer.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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