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einhorn insel der seligen

Geselliges Beisammensein


Friedliche Koexistenz ist in Wahrheit ein unaufhörliches Kräftemessen. Denn es liegt in der Natur der Sache (life is competition), dass nur Siege zählen, dass nur die totale Kapitulation des Nachbarn Ziel sein kann. Bei solchen Konstellationen ist oft der Anfang interessanter als das Ende.

Grundstücksgrenzen, Grenzen eines Territoriums müssen entsprechend den amtlichen Schriftstücken exakt gezogen werden. Grenzsteine sich heilige Orte, Besitz ist das höchste aller zu schützenden Güter. Bevor es zuständige Beamte gab, genügten ein Handstreich und beherztes Dreinschlagen, um eine wünschenswerte Grenzziehung durchzusetzen; nach Einführung des Ämterwesens hatte sich die Sehnsucht nach Eigentum oder dessen Vermehrung auf Schmeichelei und Bestechung oder notfalls auf geschickte bis gerissene Argumentation zu verlegen.

Wie auch immer der Grenzstein gesetzt wurde, der zurückgedrängte Nachbar konnte hinter dessen Rücken Samen der Erde anvertraut haben, aus denen ein Baum wachsen sollte. Ferner hatte er, auf die Gefahr hin, dass der Setzer des Steins die List entdeckt hätte, sein zu bedeutenden Taten bestimmtes Pflänzchen zu tarnen und zu schützen. Generationen lang muss das so sich vollzogen haben – oder dem Steineigner war dieses Eckchen seiner Ländereien gleichgültig geworden, er beachtete es nicht mehr.

Besitz wühlt sich tief hinein in die Zeit. Wer Ansprüche stellen will, braucht vorweisbare Wurzeln.

Eine hanebüchene, hirnwuselige Geschichte, zugegeben.

Meinetwegen. Hier eine andere.

Hinter einem Grabstein wurde ein Baum gepflanzt, dass er Schatten gebe und die Toten symbolisch beschütze. Der Baum aber wuchs und wurde übermütig. Die Energie der Toten war in ihn gefahren und kreiste in seinen Säften. Schon als er gepflanzt wurde, war er groß gewesen und schön, nichts hielt sein weiteres Wachstum auf. Irgendwann – es war nur eine kleine Weile - wurden keine neuen Toten bestattet, irgendwann kam niemand mehr zum Friedhof.

Pflanzen reagieren anders als Menschen auf die expansiven Kräfte der Physik, die so vieles abzuschaffen imstande sind, sogar den Besitz. Nimmt die Natur den Menschen aus dem Spiel, so können Pflanzen leere Räume einnehmen.

In beiden Geschichten bewahrt der Stein die Vergangenheit. Doch wird man, bevor er sich wegbeugen, wegknicken, wegbrechen muss in all seiner Starrheit, noch lesen können, noch lesen wollen, woran er erinnern soll? An Besitzrechte? An imaginäre Lebensläufe?

Bäume leben lang. Hunderte von Jahren.

Und dann?

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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