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einhorn insel der seligen

Die Begegnung


Ohne Augen kann ich dich nicht sehen.

Doch meine Augenhöhlen halten dich fest. Ich habe nicht alles verloren. Nur die Fassade.

Wie ist das bei dir: doch nicht umgekehrt? Pardon.

Ich bin entstellt. Bin nur noch einer, der aufrecht steht, mein Haupt ist bedeckt, ich trage, trug – nein, keinen Schmuck, keine Kette, vielleicht eine Halskrause, nenne es, wie du magst.

Mein Haar fällt beinahe unversehrt.

Hier stehe ich. Ich hätte auch anders gekonnt. Dann wärst du mir nie begegnet.

Denn es ist eine Begegnung, auch wenn du nicht tot bist und ich nicht lebendig. Es hat geklickt: du hast ein Foto gemacht. Ab jetzt werde ich dich begleiten. Ich, nicht das Foto - das wirst du wegwerfen, weil alle, denen du es zeigen wirst, den Kopf schütteln werden. Los wirst du mich erst bei deinem - Ableben. So sagt man doch. Klingt noch ein bisschen nach Leben.

Ich stehe hier und bleibe stehen. Ich benötige kein Foto.

Stehen. Aufrecht stehen, das ist es, glaub mir. Aufrecht wirst du zu Stein. Wirf alle deine Fotos weg. Sie werden dich nicht überleben.

Seltsam, nicht wahr, was für Reden ich führe in deinem Kopf? Es sprudelt aus mir heraus. Ich weiß nicht, ob das gesund ist. Will sagen: für dich.

Du sagst dir, ich sei nicht lebendig. Du stündest vor einer Grabplatte. Ich sei eingesperrt in deren Schwere, an sie gefesselt etc.

Alles richtig. Trotzdem bist du nicht einfach vorbeigegangen. So frei hättest du doch sein können. Ich hatte dir also etwas zu bieten, was war es noch? Du hast es vergessen.

Du trägst es mit dir herum. Es ist nicht das Foto, das hat nichts zu sagen.

Es ist das, was aus meinen Augenhöhlen gesickert ist und dich eingelullt hat – für weniger als einen Augenblick. Das klebt an dir. Es ist die Sache mit der verlorenen Fassade.

Irgendwann wirst du dich fragen, was du nicht hast, was du nicht mehr hast.

Ich habe mir diese Frage gestellt, ich war Mönch. War nicht zufrieden mit den Antworten, die ich mir gab, aber zufrieden fährt keiner in die Grube.

Nein, Luther war ich nicht.

Hast du dich einmal gefragt, wer du nicht bist?

Frage dich, solange du noch Kraft hast.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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