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einhorn insel der seligen

Helden unter uns


Wer fällt, für die Umgebung fällt, der erhält ein Denkmal. Wer sich dem Feind stellt, wer ihn fernhält von der Umgebung, wer ihn auch nur vorübergehend mit seiner Leiche aufhält, ihn einer Kugel beraubt, ist jeglichen Gedenkens wert. Dazu ist es nicht einmal nötig, seinen Namen in die Gedenktafel eingraviert zu sehen. Um unseren Sinn zu erheben, genügt es, zu wissen, solche … Leute, solche … Personen hat es wirklich gegeben.

Du opferst dich für Leute, die dir teuer sind, aber auch für alle anderen, sogar für die, die mit dir kämpfen oder kämpfen müssen, für die, die nichts dergleichen vorhaben und für die, die sich schon einrichten auf Besetzung und Besatzung, die ihre Schätze vergraben und Wichtiges aus der Feindessprache lernen.

Wer sich opfert, darf nicht lange über solche Petitessen nachdenken. Der Kampf ist eine heilige Handlung. Auch für uns. Nicht umsonst legen sich unsere Friedhöfe kreisförmig um unsere Kirchen.

Angenommen, du fällst. Deine Seele verlässt den nicht mehr funktionsfähigen, zerschossenen, zerstückelten Körper, soweit herrscht Einigkeit. Nur: wohin geht sie, unser bester Teil, wie man sie nennt?

Früher waren für solche Fragen die Eremiten zuständig, einsam lebende, nicht dem Frauendienst verfallene Männer, meist alt (der genannte Vorbehalt war dann leichter zu erfüllen), die von den plündernden Horden freigepresster Sträflinge und (weil unbezahlt) marodierender Gottes-Soldaten übersehen wurden oder wegen ihrer Besitzlosigkeit nur riskierten, angespuckt zu werden und mit einer Tracht Prügel davonzukommen.

Die Eremiten bargen ihre versteckten oder vergrabenen Computer und suchten: seele.eu oder seele.li oder seele.com.

Sie fanden (aus Datenschutzgründen erwähnen wir nicht, auf welcher der sechsunddreißig Millionen Seiten):

Die Angaben unserer Internetseiten dienen nur der unverbindlichen allgemeinen Information und ersetzen nicht eine eingehende individuelle Beratung und Planung. Wir übernehmen keine Gewähr für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit der Informationen auf unseren Seiten oder den jederzeitigen störungsfreien Zugang. Die Seele schließt ihre Haftung bei Serviceleistungen für leicht fahrlässige Pflichtverletzungen aus.

  • Ja, die Seele, so beginnt ein Eremit seine Beratung, weißt du …

Er stockt. Gleich wird er weiter wissen. Du schweigst, den fleckigen Bart betrachtend und dem Mundgeruch ausweichend.

  • Die Seele ist körperlos (das hattest du dir beinahe gedacht, da sie den Körper ja verlässt), sie ist ein Hauch, eine Brise, eine Atem-Bahn. Sie schwebt oder weht, wo sie will.

  • Wie steht es mit feindlichen Seelen?

  • Sie durchdringen sich.

  • Was?

  • Da sie, wie gesagt, körperlos sind, stören sich ihre Wege nicht. Die unseren und die anderen flutschen einfach aneinander vorbei. Oder die eine durch die andere hindurch. Oder sie sind einfach da, irgendwo, alle; und basta.

  • Und was tun sie?

  • Nichts. Sie tun nichts. Sie tun auch dir nichts.

  • Aber … wozu ist das gut?

  • Sie frohlocken, weil sie den lästigen Körper los sind. Dieses Frohlocken, mein Freund, kannst du befördern, indem du dich freiwillig meldest zum Fronteinsatz. Dann ist deine Seele, falls du eine hast, eventuell schneller soweit. - Hörst du es?

(Explosionen am Waldrand; der Eremit geht in Deckung)

  • Wie? Nicht jeder hat eine solche … Seele?

  • Wo denkst du hin, Kerl! Jeder denkt, er habe eine. Für Gott ist das genug.

  • Gottogott! Jetzt kommst du auch noch mit Gott daher! Sag lieber, wo ich mich verstecken kann!

  • Lauf! Dort steht der Feind, dort knallen lustig die Büchsen, dort sausen Drohnen und Kartätschen. Dort ist die Erlösung deiner Seele!

  • Du Schweinehund! Beweis mir erst, dass ich eine Seele habe! Sonst bliebe von mir nichts mehr, wenn ...

(ein wahrscheinlich seelenloses Wildschwein pest in Panik durch den Unterstand des Eremiten, er und der Rat Suchende finden sich auf der Erde wieder)

  • Wer krepiert ist, ist krepiert, Junge. Dann wird es sich finden, wer eine Seele gehabt hat. So ist das eben. Und den Schweinhund nimmst du sofort zurück.

(Wutausbruch des Seelensuchers und Opferkandidaten; Ringkampf; eine Drohne knipst die Szene und zerschellt dann an einer patriotischen Kiefer, stürzt ab; der angebliche Schweinhund geht von ihr k.o.)

Sollte man sich opfern, um zu vermeiden, geopfert zu werden, früge sich wohl einer in einer so prekären Situation. Nicht so unser Jungspund. Er betrachtet sinnend das Stück Bart, das er im Übereifer dem Eremiten abgerissen hat. Er schwenkt es, als wäre es ein weißes Tuch, als die Marodeure plötzlich vor ihm stehen.

Gott ist gross, gibs zu! Es geht ein gewaltiges Gebrülle durch die Eremitenhöhle, die Eulen und Fledermäuse blitzschnell evakuieren. Der Löwe presst den Schwanz an den Körper, verzieht sich hinter einen Stalagmiten. Der Jungspund bringt sich rasch in Bauchlage und respondiert: Gott ist groß, ich gebs zu!

Schon wieder was mit Gott. Soll er die nach der Seele fragen? Aber dann werden sie ihn sofort testen lassen, ob er eine hat. Lieber das Maul halten, ein paar Peitschenhiebe, das heilt wieder.

Als er sich umdreht, sind die Gottes-Marodeure schon wieder fort. Alles, wirklich alles – na ja, viel war es nicht – hat das Wildschwein kaputt geschlagen. Der Computer ist weg, nichts Wertvolles mehr da.

Er dreht sich wieder um. Da steht der Löwe vor ihm. Er leckt das Blut, das aus der Kopfwunde des bewusstlosen Eremiten sickert. Er betrachtet nachdenklich den Jungspund.

Die Frage des Opfers, des Heldenstatus, der Umgebung stellt sich neu.

Jedoch nicht für den Löwen.Er leckt sich das Blut von den Lefzen. Es grummelt in seinem Magen.