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einhorn insel der seligen

Der Empfang


Der Tisch ist nicht gedeckt, doch sauber gewischt, so dass sich in den Sonnenreflexen Blattwerk spiegelt.

Der Stuhl ist nicht bequem, doch er trägt dich, selbst wenn du ein Fettwanst bist.

Dir gegenüber lehnt die Statue, leider aus Gips. Sie kann nicht sprechen. So musst auch du nichts sagen. Du musst nicht erklären, wer du gewesen bist.

Klettere also rasch über das stets verschlossene Tor und setz dich. Verzehr deine Vorräte und sieh dem Gras beim Wachsen zu.

Der Baum ist schon viel länger da als du. Tisch und Stuhl haben Regen und Schnee überstanden. Sie sind für dich da. Die Statue ist kürzlich unter polterndem Gelächter (warum nur?) zum Baum gerollt worden. Sie zeigt dir ihre schön gewachsenen Brüste. Im Übrigen bewahrt sie den Gleichmut der Materie.

Lass dich darauf ein. Du hast nichts zu verlieren.

Wie lange willst du, wie lange kannst du noch herumstromern? Ohne Zweck und Ziel?

Es sprießt nicht nur Gras hier, du findest auch wilde Blumen, Rhabarber und Kürbisblüte, Obstbäume und einen Wassertrog. Rehe weiden. Katzen schnüren achtlos vorbei. Karnickel wühlen unterm Zaun. Trittspuren führen dich durch die Wiesen. Doch geh nicht in die Holzlege. Die Tiere dort wirst du nicht lieben.

Das Haus ist versperrt. Der Schlüssel ist versteckt. Du kannst ihn finden. Vielleicht sogar den schönen Kopf der enthaupteten Statue, wer weiß.

Siehst du die Geräte von Handwerkern auf den Fenstersimsen, auf der Terrasse und unter den Büschen liegen? Im hohen Gras findest du noch mehr. Siehst du den Betonmischer dort in Florentiner Rot, die Erdhaufen, die gestapelten Ziegel? Hier wurde gebaut. Irgendwann wird die Arbeit weitergehen. Du musst nicht warten. Greif dir Werkzeug, pack an!

Da ist ein Garten, den du beackern wirst. Da ist ein Haus, das du gestalten kannst. Um das Haus herum liegen, aus den Fenstern gestürzt, vom Balkon gekippt, alte Möbel, zerschlagen, zerbrochen, überwuchert von unermüdlicher Vegetation.

Auf dem Hügel oben tobt ein Fest, du hörst die Betrunkenen schreien. Geh nicht hin. Gärten brauchen Menschen.

Du schweigst. Du willst kein Gartenzwerg sein. Du wendest dich ab. Du wirst dich besaufen, wie alle.

Ohne dich ist es besser, eine Zeit lang. Die Tiere werden sich fröhlich vermehren, die Pflanzen werden ungestüm austreiben und langsam klettern und wuchern am Haus. Die Nachbarn werden die Hände ringen ob ihrer von bösem Samenflug bedrohten Gärten. Sie werden schließlich die Obrigkeit zwingen, Feuer zu legen an Haus und Garten und alles niederzubrennen. So wirst du am Ende Recht behalten. Man wird einen Parkplatz ausbetonieren, für die Besucher des Fests auf dem Hügel.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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