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einhorn insel der seligen

Die Verwandlung


Er hat sie an der Hand genommen. Die Hand ist abgefallen, ohne einen Laut, ohne Schmerz. Sie hat Angst, dass ihre Hand bis in die Hölle fällt.

Sie glaubt an die Hölle. Sie glaubt an Sünden, die nicht vergeben werden.

Sie bleibt stehen. Sie weiß nicht weiter. Sie will nicht weiter. Er wird sie antreiben. Sie wird ihm zu Willen sein müssen.

Doch er bewegt sich nicht. Sie spürt es. Sie muss sich nicht umdrehen.

Sie hört dieses grauenhafte, leise Geräusch. Es könnte ein verlangsamtes, hohl tönendes Lachen sein. Es könnte auch ein Stöhnen großer Anstrengung sein. Die wievielte ist sie heute, die er bringen muss?

In der heilen Hand hält sie die Bibel. Blindlings hat sie nach ihr gegriffen, als, aus traumlosem Schlaf erwachend, sie seinen Schädel sah, der sich über sie beugte. Dieses starrende Grinsen, das vielleicht gar keines ist, das in Wirklichkeit Mitleid bedeutet.

Er ist behutsam einen Schritt zurückgewichen. Sie hat sich aufgerichtet, es hat ein paar Augenblicke gedauert, bis sie aus dem Bett geglitten ist, mit abgewandtem Gesicht das Nachthemd abgestreift hat und in Unterkleid und Kutte geschlüpft ist. Die Haube hat sie zurechtgerückt und die Bibel fest an sich gepresst. Scham hat sie nicht empfunden. Nicht vor einem Wesen ohne Fleisch.

Beim Ankleiden war sie sich ihrer sicher, war noch ganz bei sich, wusste, was sie zu tun hatte.

Als sie dann nebeneinander schweigend durch die langen Gänge des Klosters schritten, durch die Pforte traten, draußen war es so finster wie drinnen, wuchs die Ungewissheit, die Angst. Erst mochte sie nicht denken, dann weigerte sich ihr Kopf. Zu stark war die schwere, konturlose Empfindung des Nichts mehr, des widerstandslosen Versinkens im Sumpf der Ewigkeit, in Dunkelheit und Stille.

Denn der Begleiter gab keinen Laut mehr von sich.

Kein Gebet fiel ihr ein. Die Bibel konnte ihr kein Trost sein, im Lichtlosen wäre kein einziger Buchstabe zu erkennen gewesen. Und zum Blättern hätte sie die andere Hand benötigt.

Da waren die Gedanken wieder.

Ist sie eben erwacht?

Sie erinnert sich an nichts. Die Kutte ist ihr fremd, beinahe lästig. Sie spürt keine Müdigkeit, hört sich nicht atmen, der Puls hat sich im Herz versteckt.

Das einzige, was sie nun mit einem Mal wahrnimmt, ist das gemächliche Bohren, das langsame Fressen dieses Wurms, der jetzt sein Köpfchen aus der Haube über ihrer Schulter steckt.

Der andere, das Gerippe, ist er noch da? War er jemals da? Hat er sich etwa verwandelt in jenes kleine Wesen, das sein Geschäft zu Ende bringt?

Die verlorene Hand – ist sie zurückgekehrt?

Es kommt nicht mehr darauf an.

Ein Trugbild hat sie begleitet. In sich hat sie ihren Tod ausgetragen. Lange hat er auf seine Stunde gewartet. Jetzt gibt er sich zu erkennen.

Auf die Hölle pfeift er. Er muss sich ernähren und fortpflanzen.

(Foto M.Mayr, Weggis)