Aktueller Eintrag
Frühere Einträge
Archiv
Schlagwörter

einhorn insel der seligen

Casting


Ewigkeit hat ihren Preis.

Du hast gedient: bist beschnitten, durchbohrt, überkleckst, übermalt worden. Manchmal warfen dich diese wilden Wesen auf den Boden oder weit durch die Lüfte, sie kauten an dir und spuckten dich wieder aus. Sie zerbrachen oder zerteilten dich. Wurdest du nicht gebraucht, steckten sie dich an finstere Orte.

Nichtsdestoweniger versahst du deinen Dienst auch als Krüppel, als Torso, oft weiter. Stets warst du universal verwendbar – für den eigentlichen Zweck deines Daseins wie für allerlei Perversionen.

Der innige Kontakt mit deinen Nutzern schrieb sich dir ein: Schmutz, während man dich manipulierte, Nasensekrete, Speichelschleim, Gerüche aller Art, jeglichen Körperteilen entströmend. Im Druck der Finger floss all dies zusammen, schlug sich endgültig auf dir nieder, mischte sich mit Schweiß, wurde klebrig.

Deine Aufgabe war, Gezeichnetes rückgängig zu machen, dem Papier seine ursprüngliche weiße Farbe an bestimmten Stellen zurückzugeben. Das gelang nur unzulänglich, vor allem weil die Nutzer nicht die nötige Geduld und Sorgfalt walten ließen.

Doch genau darin warst du mit ihnen und mit dir im Reinen: deine Tätigkeit, ausgeführt in Perfektion, wäre Schwindel, Lüge, Urkundenfälschung gewesen. Denn nichts, was getan wurde, kann jemals rückgängig gemacht werden. Was war, kann geleugnet oder vergessen, aber nicht getilgt werden. In Momenten, wo du fachfremd zu allerlei Spielen verwendet wurdest, hörtest du dunkel gekleidete, einsam eifernde Nutzer-Bändiger vom Jüngsten Gericht reden. Diese Geschichte schien dir überaus plausibel.

Nun fügte es sich aber, dass am Ende einer jener Stunden, in denen du deine ungeliebte Aufgabe erfüllen musstest, auf ein Wort des zuständigen Bändigers viele deinesgleichen zusammen mit dir diesem übergeben wurde. Lange brachtet ihr in Säcken zu, bis man euch mit einer letzten Durchbohrung in die jetzige Lage versetzte.

Du bist fixiert und wartest im Dunkel, bis die Läden, die dich verdecken, geöffnet werden, damit jemand dich betrachte. Das tut nicht weh. Was dich dagegen sehr befremdet, ja wütend macht, ist, dass viele Betrachter sofort anfangen, von Insekten zu sprechen, insbesondere von Käfern. Mit solchen Spezies willst du auf keinen Fall verglichen werden.

Gut ist: du bist der Willkür der wilden Nutzer, ihrem Lärm und ihrem Gestank enthoben. Nun erwartest du ergeben das Jüngste Gericht.

(Triptychon von Thomas Thalhammer, Regensburg)

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

WEBDESIGN |  SEPP FISCHER