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einhorn insel der seligen

Buried Love


Nein, ich bin kein Totengräber. Fühle mich nur als Wächter bestellt, bis die Pflanzen den Kadaver bedeckt haben.

Bin selbst verstümmelt. Konnte mich nicht wehren, nur klammern an die glatten Steine. Das hat nichts geholfen.

Wozu brauchten sie diesen Platz? Wollten sie jemandem die nackte Schönheit dieser Mauer zeigen? Hier kommt keiner vorbei, monatelang.

Die Mauer ist tot. Aber nicht so wie der da unten. Sie war schon immer tot, ist zusammengeklatscht aus toter Materie. Er dagegen hat gelebt wie ich.

Mir wird es vielleicht gelingen, noch einmal auszutreiben. Ihm nicht.

Sie haben ihn aus einem Fahrzeug gezerrt und hierhin geworfen. Er steckte schon in diesem grauen Tuch. Was sie mit mir gemacht haben, war kurz zuvor. Ich glaube, es waren nicht dieselben.

Sie hätten die Leiche hier auch loswerden können, wenn ich noch nicht verstümmelt gewesen wäre. Da ist kein Zusammenhang. Trotzdem verbindet mich noch etwas anderes mit diesem Toten.

Es ist das Mädchen, das dieses Wort auf die Mauer gemalt hat. Sie war allein, hatte keine Eile, suchte nach dem richtigen Platz (obwohl die Mauer überall gleich hässlich und gleich tot ist), blieb noch eine Weile stehen, als sie fertig war.

Kam nie wieder.

Das Wort hätte sie vor meiner Verstümmelung nicht dort hinschreiben können. Es mag Zufall sein, aber ich fühle mich von dem Wort gemeint (obwohl ich es nicht lesen kann).

Die Leute, die die Leiche hier abluden, würdigten das Wort keines Blicks. Es war Nacht.

Wer hier unten verwest, hat mit jenem Mädchen und dem Wort etwas zu tun, das bilde ich mir ein. Wenn das Mädchen eines Tages wiederkommt, hat der Efeu sein Wucherwerk hoffentlich vollendet. Sie soll den Leichensack nicht finden. Denn dann wird er geöffnet werden – und ihr Leben wird vielleicht in sich zusammenstürzen.

Sie wird nicht wiederkommen.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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