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einhorn insel der seligen

Tower power


Babel war die größte Stadt des Erdkreises.

In Babel gab es jedoch nur Ungleichheit, Unzufriedenheit, Unfrieden. Die Reichen wohnten hinter hohen Zäunen, die Armen hausten bei den Kloaken.

Mord und Totschlag waren alltäglich. Manchmal traf es einen Reichen. Dann wurde Razzien durchgeführt. Nur dann. Sonst hatte die Polizei genug damit zu tun, an den Zäunen zu patrouillieren und die Reichen zu eskortieren, wenn sie ihr Domizil verließen. Das kam häufig vor, denn die Stadt pflegte weltweite Handelsbeziehungen.

Es gab in der Stadtmitte eine scheinbar offene Zone, dort war jedoch der weitaus größte Teil des Polizeiaufgebots stationiert: alle trugen Zivil, wohnten an Ort und Stelle, organisierten dort ihr außerdienstliches Leben. Doch wenn Kloakenmenschen versuchten, dorthin einzusickern, übernahmen sie Polizeiaufgaben, griffen die Unerwünschten auf, drängten sie fort, bugsierten sie über die unsichtbare Demarkationslinie.

Nach Möglichkeit nicht mit offener Gewalt, das hätte einen schlechten Eindruck bei den Geschäftsfreunden gemacht, dachte man (obwohl diese in ihren Ländern ähnliche Verhältnisse geschaffen hatten und dies im Gespräch nicht verhehlten).

Eindringlinge wurden meistens sofort an der Kleidung erkannt, doch nicht alle. Manche verkleideten sich. Diebe und Räuber nutzten den Schutz der Nacht. Es kam zu Zwischenfällen.

Aufsehen wurde erregt.

Die Fronten waren klar, doch der Krieg war für die Besitzenden nicht zu gewinnen. So konnte es nicht weitergehen.

Da schien sich eine Lösung zu ergeben: man würde einen Turm bauen. Den höchsten der Welt selbstverständlich. Man gäbe den Habenichtsen Arbeit, nicht allen natürlich und erst nach sorgfältiger Loyalitäts-Prüfung. Man verspräche guten Lohn (neben dem himmlischen, denn der Turm sollte ein Tempel sein). Arbeit mache frei, würde man argumentieren, es gäbe ein uneingeschränktes Einkaufsrecht in der offenen Zone, später. Arbeitsteilung sei nämlich zu ungeahnten Leistungen fähig: die einen würden planen, organisieren und – last not least - bezahlen, die anderen würden eine neue, eine großartige Wirklichkeit mit ihrer Hände Arbeit erschaffen.

Auch Arbeitskräfte aus Partnerländern sollten herangezogen werden. Die ganze Welt sollte sich beteiligen dürfen an dem unerhörten Werk.

Die Ablenkungsstrategie zeigte Wirkung.

Viele aus der Kloake wollten teilnehmen am großen Werk. Sie buhlten um die Aufnahme in die Baumannschaften. Die im Ausland angeworbenen Kräfte – sie waren streng kontingentiert - erregten große Neugier. Man vergaß, dass auch sie in Konkurrenz mit dem Einheimischen traten, man suchte stattdessen die Verständigung mit ihnen, was notdürftig gelang und neue Neugier weckte.

So begannen sie. Sie bauten.

Es kam zu Pannen, was zunächst keine große Beachtung fand. Die Pannen häuften sich. Es kam zu tödlichen Unfällen (die Organisatoren nannten sie tragisch), Gerüste und Bauteile stürzten ein. Die Berechnungen wiesen offenbar gravierende Fehler auf, die Logistik war ungenügend durchdacht. Es gab keine medizinische Versorgung. Notbegräbnisse wurden in rasch ausgehobenen Gruben ohne Zeremonie vollzogen. Denn die Verstorbenen hätten als Märtyrer des Tempelbaus ohnehin einen sicheren Ort im Jenseits gewonnen, hieß es. Wäre der Turm erst fertiggestellt, stünden ihre Namen in großen Lettern auf Gedenktafeln.

Doch viele begannen zu zweifeln, ob aus dem Turm tatsächlich jemals ein Tempel werden könne.

Manche begannen zu murren. Sie murrten in ihren verschiedenen Sprachen, doch es gab keine Verständigungsschwierigkeiten, denn man war in der gleichen schlimmen Lage. Vor allem angesichts der sich häufenden Züchtigungen durch die Knute und der Entlassungen (wegen Charakterschwäche) ohne jeden Lohn für die zuvor geleistete Arbeit.

Bald wurde für die Verstoßenen kein Ersatz mehr gefunden. Die anfangs abgewiesenen Bewerber wollten sich nun nicht mehr dem Heer der Unzufriedenen anschließen. Die Arbeiten gingen stockend voran.

Die Herren von Babel wollten ihren Geschäftspartnern aber keine Ruine vorführen oder zugeben, dass ihre Organisation versagt habe. Sie ließen den Turm heimlich abfackeln. Viele der noch dort Arbeitenden konnten sich nicht mehr retten. Die bezahlten Brandstifter wurden sicherheitshalber weggesperrt, aus Diskretion. In Razzien suchte man unter den Arbeitern nach den angeblich Schuldigen. Wer einmal verhaftet war, kam nicht mehr zurück.

Es brannten vor allem die Gerüste und die Verkleidungen aus Holz. Das steinerne Gerippe des Turms blieb zum großen Teil erhalten, aschefarben.

Babels Priester mussten eine Zeit der Buße verkünden. Diese hatte keinen Einfluss auf den Handel und die Geschäfte. Die Partner machten kein Aufheben, wenn Gastarbeiter aus ihren Ländern mitverbrannt waren. Die waren auf eigenes Risiko gekommen. Die Geschichte mit der Brandstiftung glaubten sie allerdings nicht. Für einen Tempel hatten sie das Gebäude nie gehalten.

In den Gegenden der Kloake glaubte man den Herren Babels ohnehin nichts mehr. Man hatte die fremden Arbeitskräfte, die entlassen worden waren und aus Geldmangel nicht mehr zurück konnten, in die eigenen armseligen Behausungen aufgenommen und sich mit ihnen verbrüdert. Eine Mischsprache war entstanden, die eine notdürftige Verständigung ermöglichte.

All diesen Leuten war vor Augen geführt worden, dass auch sehr feste, sehr massive Bauwerke dem Feuer zum Opfer fallen konnten. Es machte ihnen Mut, dass die Besitzenden sich als unfähig erwiesen hatten, eine komplizierte Aufgabe wie den Turmbau zu planen und durchzuführen.

Sie legten Feuer. Es kam zu Tumulten, zu Straßenkämpfen, zu Massakern. Die Überlebenden flohen in alle Himmelsrichtungen.

Babel brannte vollständig ab.

Bis auf den Turm, der wie eine riesiger Findling langsam verwitterte und zerfiel.