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einhorn insel der seligen

Das rote Pendel


Es schwingt nicht; es steht; es zeigt.

Es weist auf ein Kreuz, das sich schon verfärbt hat, ein Projekt einer Brücke? Der Grund bleibt sichtbar: ein Bach, ein Damm.

Ein Eingriff.

Der Grund ist ein Plan, eine Fläche, durchwirrt von grauen Doppellinien, sagen wir: von Wegen. Sie schlingen sich wie Krakenarme durch ein Gelände mit schnörkeligen Symbolen, wir vermuten: Bäume. Diese Wege bilden in ihrem Geflecht zwei Schwerpunkte: Plätze mit Zentren wie Krakenaugen: mit Podesten, Pavillons, Denkmälern? Das größere dieser Gebilde hat noch ein zweites, viel weiter ausgreifendes Zentrum: eine Frucht, ein Herz, ein Gesicht?

Es gibt schnurgerade rote Linien: Mauern; und blaue, meist geschwungene Linien: Wasserläufe.

Ein umfriedeter Garten, ein Park. Menschenfrei. Aber ohne Abwehr gegen Eindringlinge wie Pendel und Kreuz.

Ein Pendel, das nicht (mehr) pendelt. Ein Pendel allerbanalster Form: der eines Stück Blech, in das man einen Finger steckt, es mit einem Ruck aus der Waagrechten in die Senkrechte zieht und so den Deckel einer Blechdose, Bier oder Cola, entfernen kann.

Wenn man es nicht durch allzu heftiges Ziehen abreißt.

Ein Pendel, das, bewegungslos, nicht mehr ist als eine bloße Behauptung.

Dieses Ding aus einer anderen Welt ist in diesem kunstreich angelegten Garten gelandet(?). Durch eine unerbittlich gerade Linie (ein Seil?) ist es mit etwas außerhalb unserer Wahrnehmung verbunden. Wie das Kreuz, das es anvisiert (der Ort, wo ein Rettungshubschrauber oder ein gezielter Bombenabwurf niedergehen soll) konnte es, aus der dritten kommend, sich in der zweiten Dimension einnisten.

Die Wirklichkeit ist nicht transparent, aber durchlässig.

Als Kind trug ich im Winter zwei Fäustlingshandschuhe, die mit einem dicken Wollfaden verbunden war. Er wurde mir um den Hals gelegt wie ein Schal. So konnte ich die Handschuhe nicht verlieren. Nun ist einer dieser Zwillinge wie eine Drohne aus meiner Phantasie, aus meiner Erinnerung niedergegangen in den Garten (den es vielleicht noch nicht gibt oder den es einmal gab und der verschwand), schnurgerade und straff spannt sich der Faden, an dem der zweite Handschuh hängen muss.

Über alle drei Dimensionen hinweg breitet sich langsam, aber stetig ein Spinnennetz aus, ein unaufhaltsam wachsender Kreis: die Zukunft.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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