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einhorn insel der seligen

Ein Musenmann


Die Küsse der Musen sind wild und stürmisch. Sie begnügen sich nicht mit Knutschflecken. An häufig genutzten Stellen weist die Gesichtshaut deutliche Spuren auf. Weiche Zonen weisen tiefer greifende Beeinträchtigungen auf.

Kunst muss leiden. Doch die apollinischen Löckchen kannst du noch immer gut erkennen.

Der Kulturheros blickt unverwandt, unverblümt und unvermeidlich stetig und stets in dieselbe Richtung. Blattwerk hat sich dicht vor seine Augen geschoben. Wie banalere Zeitgenossen mit den Linien deiner Hand, so begnügt er sich mit den Rippen und Rändern der Blätter, um die Welt zu deuten und in die Zukunft zu sehen. So reichert er den Musenspeichel an, den diese willfährigen Frauen später küssend und wieder küssend weitergeben werden an ihre Auserwählten. Mögest du dazugehören.

Er repräsentiere: den guten Geist, den gesunden Menschenverstand, das Wahre/Gute/Schöne, sagt er (sich). Für seinen Gips könne ein Gipskopf nichts.

Ich bin das Innere der Sicht. Dixit.

(Dieses Logo gehört zwar schon jemand anderem, aber als Kulturschaffender musst du dich festhalten an Vorbildern, kannst dich nicht verteidigen gegen Inspirationen)

Denn was dein Auge sieht, der Sehnerv reißt es dir blitzschnell weg und deponiert es in deinem Hirn. Dort bekommt es Name, Identität, Ausmaße und passende symbolische Kategorien. So weit, so gut, hart wie Gips. Jedoch auch: bröckelnd.


Praxistest:

Efeu umrankt mich, ewig lebt der Geist, der mich geformt.

Hm. Probieren wir es noch einmal.

Efeu umprangt mich (eher: Efeu umschwankt mich?): Reich an Reim ist mein gipsiger, gichtiger, greisenhaft girrender Geist.

Efeu, aber, der Glanz und der Tanz der Liebe!

Aber ach, alles bröckelt, innen wie außen.


Das soll Musenwerk sein? Eher Dekadenz.


Mei.

Künstler haben, statt einem Brett vor der Stirn, Efeu ums Hirn.

(sagen die Spießer; Künstler sind Genießer)

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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