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einhorn insel der seligen

Steinzeit


Im Anfang war die Zahl. Vom Himmel gnädig gefallen in ihr geheimes Wissen, sagten die Schamanen und gaben sie uns großherzig weiter. Mit ihr lernten wir das Zählen. Mit dem Zählen das Rechnen und das Planen. Die Zeit des Ratens und Schätzens, das uns so viele peinliche Reinfälle beschert hatte, war vorbei.

Plötzlich war da einer nicht mehr irgendein Mitglied der Horde, zum Beispiel ein niederrangiges Männchen ohne Paarungsbonus, sondern zu ihm gehörte jetzt eine Zahl, die er sich einprägen musste, mit der wir ihn rufen konnten. Wir hatten einen triftigeren Grund als vorher, ihn zu bestrafen, wenn er nicht sofort kam.

Allmählich gewöhnten sich alle an die neuen Regeln. Wir konnten nun aber auch die Zahl jedes Stammesgenossen verändern, Zahlen vertauschen und sie sogar wegnehmen. Wer keine Zahl mehr sein eigen nannte, musste fort, musste für sich selbst sorgen, was angesichts des Fleischbedarfs unserer heftig wachsenden Gehirne und der Schnelligkeit und Stärke der Beutetiere kaum möglich war.

Doch das war nur der Anfang.

Es folgten die Steine.

Im Krieg konnten wir die erlegten Feinde zählen, mehr noch: jeder konnte die Steine zählen, die er geschleudert hatte oder wie oft er mit einer steinernen Waffe traf, und durfte diese Zahl vergleichen mit der Zahl der feindlichen Gefallenen, die er sich zuschreiben konnte. Am Ende des Kampfes riefen die Ältesten zum Rapport. Da wurde der Fleißige (der Geschickte) belohnt (Zuteilung von Gehirnmasse in spe) und der Faule (der Nichtsnutz) bestraft (seine Zahl bekam einen prekären Zusatz, er keinen Anteil an Markknochen). Da wurde auch betrogen, da musste nachgerechnet werden. Die Stein-Helden bekamen im Wiederholungsfall Helden-Steine, die ihre Zahl trugen.

Doch das war nur der Anfang.

Auf die Steine folgten all die anderen Dinge.

Und immer, über Hunderte von Tausenden von Jahren trugen Zahlen ihren Ruhm in die Welt und machten sie und sich unsterblich.

Bis auf weiteres.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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