Aktueller Eintrag
Frühere Einträge
Archiv
Schlagwörter

einhorn insel der seligen

Die Seele baumeln lassen


Früher genügte ein Skalp als Trophäe. Er stand für das Totschläger-business, denn man konnte ihn zu Geld machen, als Siedler oder Indianer. Nach der daran hängenden Haartracht wurde das Geschlecht bestimmt, ein wesentliches Detail: weibliche Kopfhaut brachte weniger ein als männliche. Man konnte allerdings tricksen: durch Trimmen oder eine komplette Rasur.

Ein halbes Haupt mit Hals- und Schulteransatz zu konservieren weist auf andere Beweggründe. Ist es kannibalische Liebe, die das Wesen, das man zum Fressen gern hatte, dem Vergessen entreißen will? Misogynie? Versehentliches Verschlampen eines Teils des ansonsten bereits sorgfältig zerstückelten Körpers? Oder doch künstlerisches Ethos, das den Betrachter bewegen möchte, seine kreativen Kräfte zur Rekonstruktion des schöneren Ganzen nutzbar zu machen wie bei den Ruinenbaumeistern des Rokoko?

Beachten wir die Tatsache, dass das Gesichtsteil hängt. Ein menschlicher Kopf ist so klein, dass man ihn, wenn er zur Schau gestellt werden soll, hoch heben oder befestigen muss. Das ist hier offenbar geschehen. Zu allen Zeiten und nicht nur von barbarischen Völkern wurden wichtige Feinde oder abscheuliche Verbrecher nach ihrer Tötung enthauptet und ihr Kopf auf Pfählen oder Lanzenspitzen aufgepflanzt, um ihresgleichen oder die eigenen Leute, die Gerechten, die Unbescholtenen zu beeindrucken. In der Tat erinnert die dunkle Linie um den Hals an eine seidene Schnur.

Doch gibt es überall in diesem halben Gesicht Spuren von Gewalt, namentlich an Mund und Auge. Selbst wenn wir uns zurückziehen auf den sicheren und beruhigenden Boden künstlerischer Gewalt, so bleibt doch die Frage nach dem Ziel der Darstellung. Wovor sollen wir erschrecken? Oder sollen wir uns einfach, unabhängig von möglichen Zwangsvorstellungen, an Phantasie und künstlerischer Freiheit (künstlerischer Gewalt) erfreuen?

Halten wir zuletzt noch einmal fest: Es handelt sich um ein weibliches Kopffragment.

Feinde der antiken Mannbarkeit waren die Amazonen und einige böse Zauberinnen, Kirke, Medea, die Gorgo.

Feinde der christlichen Mannbarkeit waren die Hexen und die Emanzen.

Der Islam zweifelt weiter, ob das Weib eine Seele habe. Er überlässt es Allah.

Allah hat die Wahl.