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einhorn insel der seligen

Badefreuden

Die Wanne schwankt.

Eben stand Charlotte noch in Reifrock und Mieder am Fußende und säuselte süße Worte der Bewunderung. Der kranke Herr im Kräuterbad hörte lächelnd zu. Er hatte keine Zeit, mit dem Lächeln aufzuhören. Es ist erstarrt. Man könnte denken, der Wannenmann wolle den jähen Schmerz kaschieren.

Doch der bekannte König der Journaille und gefürchtete Parolenschreier ist bereits tot. Seine Pflegerin wird gleich herbeieilen und verhindern, dass seine Totenmaske eine Grimasse verewigt.

Wie konnte sich Charlotte so rasch entkleiden und dabei bis zum letzten Moment die Mordwaffe verbergen? Brauchte sie nicht sogar die Hilfe einer Zofe für all die Spangen, Schnallen und Häkchen?

Manche sagen, eine Dienerin habe sich im Verborgenen entkleidet und rasch ihren Platz eingenommen. Aber niemals hätte es Charlottes Stolz erlaubt, diese Tat nicht selbst begangen zu haben. Nein, sie wählte ihre Reize, um den notorischen Schürzenjäger in der Wanne zu blenden und ihre Mission zu erfüllen. Es sich so einfach zu machen wie die biblische Judith, die dem Holofernes ausreichend Alkohol einflößte, bevor sie ihm den Kopf abschlug, kam nicht in Betracht.

Aber sie muss wieder auftauchen aus dem von Eiter gesättigten Wasser im Badebottich, das sich mit Blut anreichert. Sie muss den kleinen Schrecken aushalten, wenn ihr der Geist des Ermordeten als Killeraffe erscheint.

Dieser ist noch winzig und wird sich kindisch auf die Brust trommeln, während sie sich wieder ankleidet und gleichmütig die Häscher der Gerechtigkeitspartei erwartet. Doch dann wird er durch ganz Europa, durch die ganze Welt und hinüber nach Amerika trampeln, wird wachsen und wachsen und ein zweites Mal Tod und Schrecken verbreiten überall auf dem Globus.

Davon weiß Charlotte nichts, wenn sie erhobenen Hauptes zur Guillotine schreitet.



(„Marat“, oeuvre de Thomas Thalhammer, Regensburg)