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einhorn insel der seligen

Bittgang

Das konzentrierte Betrachten der dunklen Süße des Weins (Tokajer müsse es sein) und das selbstauferlegte Verbot, davon zu trinken oder auch nur seine Blume zu genießen, gewährten ein Versinken in sich selbst. Im Gegensatz zum Sirenen-Erlebnis des Odysseus herrsche hier die Gewissheit, dass alle Beteiligten sich derselben Entbehrung hingäben, die ihnen gleichzeitig eine neue und sehr bereichernde innere Erfahrung erschließen könne. Als Individuum wie als Kollektiv.

Organisatorisch wichtig sei das Knierutschen, da es Stürze und Zusammenstöße (die der beschränkte Blickwinkel befürchten lasse) weitestgehend ausschließe. Diese vorsichtig tastende Fortbewegungsart habe eine große spirituelle Tradition überall auf dem Globus, von Altötting bis Lhasa.

Der Helm gewährleiste Schallschutz. Auch Gaffer störten so kaum. Da seitwärts gerichtetes Schielen nur schwer möglich sei, stehe der Wein im Fokus des Blickens, bis die Augen sich an ihm satt gesogen hätten und sich wohlig schlössen. Die so vergeistigte Essenz des Weins erfülle den Kopf, bringe ihn bei günstigen Innentemperaturen zu einem Glühen, das ihn verzehre und das für unvoreingenommene Beobachter so faszinierende Leuchten erzeuge.

Gummi wiege schwer und habe einen hohen Reibungskoeffizienten. Das stabilisiere das Halten des Kelchs und verlangsame das Vorwärtsgleiten auf den Knien. Die stumpfe Farbe ermögliche einen überraschenden, man sei fast versucht zu sagen: pfiffigen Kontrast zur dezent geblümten und gestreiften Pilgerkleidung der Meditierenden.

Der kniefreundliche Boden zeige allerdings, dass man sich auf einem Übungsgelände befinde. Bei einem Ernstfall-Einsatz wären Sport- oder Wintersportkleidung erwartbar gewesen.

Soweit die Auskünfte des Ministeriums für Tourismus.

Manche Beobachter bezweifeln, dass in den Helmen überhaupt Köpfe seien, sie vermuten Roboter (Schickt die doch mal zum Kailash!), die über die Antennen auf den Helmen von über ihnen schwebenden, künstlich erzeugten Magnetfeldern gesteuert würden. Diese Annahme, so ein Regierungssprecher, sei zwar falsch, wäre jedoch ein gewaltiges Kompliment für den technischen Fortschritt in unserem Land .

Mit der offiziellen Auskunft, dies sei ein von der Staatskirche initiierter Bittgang für die Interessen der Nation, haben sich ausländische Kommentatoren nie zufrieden gegeben. Worum gebeten werden sollte, wurde nie klar gestellt.

Auffallend war, dass es so schien, als entstünde eine insgesamt kreisförmige Bewegung um eine leere Mitte. Wenige studierten allerdings eingehender diesen ästhetischen Aspekt, die Choreographie der Veranstaltung, die stets viele Stunden dauerte, bis zur Erschöpfung der Teilnehmer, ähnlich dem Tanz der Derwische.

Winzerfolklore, Werbung! So tönten manche. Weintrinker empörten sich: Wein? Da ist niemals Wein drin! Wär schade drum. Andere legten sich fest auf Gehirnwäsche oder wenigstens Volksverdummung. Wenn man schon drauf und dran sei, den Stierkampf abzuschaffen, müsse man auch darüber nachdenken, ob … argumentierten wieder andere.

Doch die Touristen kamen. Sie strömten zu den stets gekachelten Übungsorten und betrachteten schweigend stundenlang die in Zeitlupe sich verändernde Szenerie. Dahin fahren die, die’s nötig haben! So titelte mokant eine Boulevardzeitung.

Kelche verkauften sich als Andenken besonders gut. Immer wieder tauchte hierbei in Fernsehspots, Prospekten und Fanzinen das lange vergessene Wort Gral auf. Die Empörung der historischen Wissenschaft war groß, doch sie verpuffte angesichts der Begeisterung der Besucher.

Die Devisen rollten, und erste Nachfolge-Rituale wurden aus den Nachbarländern gemeldet.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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